Willanders – Rechts vor Links

7. März 2017

Henry Ford über Bildung

Filed under: kultur,Wissenschaft — willanders @ 11:28
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Hier noch ein kleiner Ausschnitt aus dem vorhin genannten Buch, S. 290 ff.

Ein gebildeter Mensch ist nicht der, dessen Gedächtnis geschult ist, einige geschichtliche Daten mit sich herumzutragen, sondern der, der etwas zu leisten versteht. Wer nicht denken kann, ist kein gebildeter Mensch, mag er noch so viele Doktorgrade sich erworben haben. Denken ist die schwerste aller Arbeiten — und das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb es so wenige Denker gibt.

Zwei Extreme sind zu vermeiden: das eine ist die Verachtung von Bildung, das andere der tragische Snobbismus, der von dem Glauben ausgeht, daß die Absolvierung eines bestimmten Bildungsgrades eine sichere Kur gegen Unwissenheit und Mittelmäßigkeit bedeutet. Keine Schule vermag zu lehren, was im folgenden Jahr in der Welt geschehen wird, sie lehrt jedoch, was in früheren Jahren in der Welt passiert ist, ihre Erfolge und Mißerfolge. Bestünde die Bildung darin, junge Menschen vor den falschen Theorien zu warnen, auf denen die Menschheit ihr Werk aufgebaut hat, um ihnen den Zeitverlust zu ersparen, den bitlere Erfahrung mit sich bringt, so stünde ihr Werk außer jedem Zweifel. Eine Bildung, die aus einer Reihe von Wegweisern über die Irrtümer und Mißerfolge der Vergangenheit bestünde, dürfte überaus nützlich sein.

Bildung heißt nicht, sich die Theorien einer Menge von Gelehrten aneignen. Hypothesen aufstellen ist mitunter höchst interessant und dann und wann sogar nützlich, aber das ist keine Bildung. In der heutigen Wissenschaft beschlagen zu sein, heißt hundert Theorien kennen, von denen keine einzige erwiesen ist. Und Unkenntnis dieser Theorien bedeutet „Unbildung“, ,,Unwissenheit“ usw. Wenn das Vertrautsein mit den Hirngespinsten andrer Leute Bildung bedeutet, dann kann jeder sehr leicht gebildet werden, indem er selbst seine Hypothesen aufstellt; und ebenso darf er dann die übrige Welt als ,,unwissend“ bezeichnen, weil sie das Resultat seines Ratens nicht kennt.

Das Höchste, was Bildung für einen Menschen zu sein vermag, ist ihn in Besitz seiner Fähigkeiten zu versetzen, ihm den Gebrauch der Werkzeuge zu lehren, mit denen das Schicksal ihn ausgerüstet hat und ihn im Denken zu schulen. Den besten Dienst leistet die Universität in ihrer Eigenschaft als intellektuelles Gymnasium, auf dem die geistigen Muskeln ausgebildet werden und der Student im Gebrauch seiner Fähigkeiten gestärkt wird. Die Behauptung, daß geistige Gymnastik nur auf der Universität betrieben werden kann, ist jedoch, wie jeder Pädagoge weiß, unwahr.

Die wahre Bildung des Menschen beginnt erst nach der Schule und wird durch die Disziplin des Lebens gewonnen. Es gibt mancherlei Arten von Wissen, und es hängt lediglich davon ab, welchen Kreisen man angehört, und wie die Mode des Tages ist, welche Art von Wissen am geachtetsten ist. Das Wissen unterliegt der Mode genau wie alles andere. Als einige von uns noch jung waren, pflegte das Wissen sich auf die Bibel zu beschränken. Es gab Leute in der Nachbarscliaft, die die Heilige Schrift von Grund aus kannten, und die deshalb in hohem Ansehen standen. Biblisches Wissen war damals hoch geschätzt. Heute jedoch ist sehr zu bezweifeln, ob eine gründliche Vertrautheit mit der Bibel genügen würde, jemandem den Ruf der Gelehrtheit einzutragen.

Wissen ist, meiner Ansicht nach, etwas, das jemand in der Vergangenheit beherrschte und der Welt in einer Form hinterlassen hat, die es jedem, der will, ermöglicht, es sich
anzueignen. Wer von der Natur mit normalen Fähigkeiten ausgerüstet ist, das heißt, wer fähig ist, sich der Werkzeuge in Wort und Schrift zu bedienen, die wir „Buchstaben“ nennen, für den gibt es innerhalb seines Volkes kein Wissen, das ihm unerreichbar wäre — falls er es wirklich erstrebt! Der einzige Grund, weshalb nicht jeder alles weiß, was des Menschen Geist sich jemals angeeignet hat, ist der, daß noch niemand es der Mühe wert befunden hat, so viel zu wissen. Es befriedigt den Menschen mehr, seine eigenen Erfahrungen zu machen, anstatt die Erfahrungen anderer zusammenzutragen.

Ihr könnt gehen und euer Leben lang Kenntnisse sammeln und werdet trotz aller Mühe selbst mit eurer eigenen Zeit nicht Schritt halten. Ihr könnt euer Gehirn mit den „Tatsachen“ sämtlicher Jahrhunderte anfüllen, und es wird am Ende doch nichts sein als ein übervolles Repositum von Tatsachen. Die Wahrheit ist: Große Mengen aufgespeicherten Wissens sind nicht dasselbe wie geistige Aktivität. Ein Mensch kann überaus gelehrt und dennoch überaus nutzlos sein. Dagegen kann ein durchaus ungelehrter Mann sich als höchst nützlich erweisen.

Zweck der Bildung ist nicht, des Menschen Hirn mit Tatsachen anzufüllen, sondern ihn zu lehren, sich seines Hirns zum Denken zu bedienen. Häufig ist der Mensch dazu sogar besser imstande, wenn er von dem Wissen der Vergangenheit unbeschwert ist. Es liegt in der Natur des Menschen zu glauben, daß die Menschheit das, was sie noch nicht weiß, niemals lernen wird. Dennoch müßte es jedem klar sein, daß das bisherige Wissen der Menschheit nicht dazu dienen darf, uns am künftigen Lernen zu hindern.

Schließlich hat die Menschheit es doch nicht so sehr weit gebracht, wenn man ihre Fortschritte an dem mißt, was es noch zu erreichen gilt, — an den Geheimnissen, die wir noch erforschen müssen. Ein guter Weg, um den Fortschritt zu hemmen, ist des Menschen Hirn mit dem ganzen Wissen der Vergangenheit zu füllen. Er gewinnt dadurch das Gefühl, daß er dank der in seinem Gehirn herrschenden Fülle nichts mehr zu lernen hat. Ein bloßes Ansammeln von Kenntnissen kann das nutzloseste sein, das der Mensch zu tun vermag. Was vermagst du zu leisten, um der Welt zu helfen und sie zu heilen? Das bedeutet die eigentliche ßildungsprobe. Vermag ein Mensch ein Ziel zu verfolgen, so ist er wer. Vermag er zehn oder hundert oder tausend anderen zu helfen, ihre Ziele zu verfolgen, so ist er noch mehr. Er mag auf dem Gebiet des Bücherwesens in manchen Dingen gänzlich eingerostet sein, ist aber dennoch ein gelehrter Mann.

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