Willanders – Rechts vor Links

25. Juli 2018

Heilige Blutsbande – oder was wir von den alten Griechen lernen sollten

Heilige Blutsbande

Der folgende Text ist meine Übersetzung eines Artikels aus dem Englischen, geschrieben von Thomas Jackson, erschienen in American Renaissance, im Oktober 1999, auf deren Webseite erschienen am 3. Juni 2018. Th. Jackson bespricht darin das Buch Family, Kin and City-State: the Racial Underpinning of Ancient Greece and Rome. Numa Denis Fustel de Coulanges and J. Jamieson, Scott-Townsend Publishers, 1999.

Numa Denis Fustel de Coulanges (1830-1889) war einer der größten französischen Historiker des 19. Jahrhunderts. Sein wichtigstes Buch La Cité Antique, erschienen 1864, ist eine Meisterstudie über die Städte im antiken Griechenland und Rom. Darin nimmt der Einfluß der Religion auf die Entwicklung der damaligen Institutionen einen breiten Raum ein.

J. Jamieson brachte das Buch 1999 in einer etwas gekürzten und modernisierten Fassung heraus, welche die Wichtigkeit von Familie und Verwandtschaft betont.

*****

Coulanges‘ Werk arbeitet deutlich den Kern des antiken Glaubens heraus, der darin bestand, zum einen den Geistern der Vorfahren Respekt zu erweisen und zum anderen die Reinheit und Kontinuität der Familienlinie zu erhalten. Die Hauptfunktion dieser Religion bestand darin, die Familie/Sippe zusammenzuhalten, indem sie den Blutsbanden die höchste Priorität einräumte. Der Buchautor stellt fest, dass dieser Aspekt existenziell wichtig für Zusammenhalt, Dynamik und Kontinuität der antiken Gesellschaft war:

Das wahre Fundament der Größe Roms und Griechenlands bestand in der Treue zu Familie und Sippe, welche über die Generationen hinweg aufrecht und lebendig gehalten wurde. Dieses Phänomen teilten die antiken Griechen und Römer übrigens mit allen bekannten indo-europäischen Völkern dieser Zeit… All diese Gesellschaften sahen das Leben nicht alleine als das einer einzigen Generation, sondern als eine kontinuierliche Abfolge von Generationen einer Blutlinie. Die jeweilige Generation war lediglich die Wächterin und Bewahrerin eines heiligen Erbes, das an die folgenden Generationen weitergereicht werden musste, möglichst vermehrt und verbessert.

Dieser Kult der Ahnenverehrung war der Vorläufer der Himmelsreligionen, etwa der von Zeus und Athena, und koexistierte mit diesen später ohne Probleme. Diese frühe Religion verschwand zwar schließlich irgendwann, aber der Historiker behauptet, dass hauptsächlich der Fokus auf Familie und Verwandtschaft zur Größe der beiden Kulturen beitrug, und umgekehrt der Verlust von Familiensinn und die schwindende Hinwendung zur Gemeinschaft den Niedergang erst verursachte.  

Das Herdfeuer

Von der frühesten Zeit an war das Herdfeuer d a s Symbol der Familie, ihrer Existenz, Herkunft und Kontinuität. Das Herdfeuer stand für die Geister der Vorfahren. Es brannte ständig, rund um die Uhr, das ganze Jahr über. Die Frauen der Familie hüteten es, das männliche Familienoberhaupt war der Oberste Priester. Jede Mahlzeit bot die Gelegenheit, des Feuers und damit der Vorfahren zu gedenken. Jede Familie gedachte ausschließlich der eigenen Vorfahren, und benutzte hierfür ihre ureigenen Gebete und Gesänge: „Die Griechen und Römer glaubten, dass die toten Vorfahren nur Opfergaben von der eigenen Familie akzeptierten und jede Anbetung durch Fremde ablehnten.“ Das Anbeten von Vorfahren anderer Familien war undenkbar.

Die Vorfahren waren im Leben der Gegenwärtigen stets präsent und nahmen aktiv am Leben der Familie teil; sie kämpften etwa an der Seite der Männer im Krieg, und sie standen den lebenden Nachkommen in Notzeiten bei. Die Geister waren nur glücklich, wenn die nachfolgenden Generationen für Nachwuchs sorgten, der die Familientraditionen fortführte.

In der Frühzeit besaß jede Familie eine eigene Gruft, in der alle Familienmitglieder zusammen begraben waren. In der Regel lag die Gruft unmittelbar neben dem Haus, damit, nach Euripides, „die Söhne beim Reingehen und Verlassen des Hauses ihren Vorvätern begegneten und sie mit einem Gebet bedachten“. Jeder Mann pflegte das Grab seiner Vorfahren, im sicheren Vertrauen darauf, dass seine Söhne dasselbe tun werden. Die alten Griechen und Römer glaubten, dass ihre Geister dazu verdammt seien, in der Welt heimatlos und damit unglücklich umherzuwandern, falls die Familie keine männlichen Nachkommen mehr in die Welt setzt, welche an den Gräbern der Vorfahren beten.

Die Kontinuität der Familienlinie hatte in der Frühzeit einen dermaßen hohen Stellenwert, dass gewollte Kinderlosigkeit als Straftat galt. „Der Mann gehörte nicht ihm selbst, er gehörte der Familie; er war nur ein Glied in der Abfolge, und diese Abfolge durfte nicht mit ihm enden.“

Die Heirat war ausschließlich innerhalb der Sippe oder der Stadt erlaubt. Die Braut wurde am Anfang der Hochzeitsfeierlichkeiten zum Haus des Bräutigams gebracht, erst dort fand die eigentliche Zeremonie statt. Diese kulminierte darin, dass die Braut in den Ahnenkult der neuen Familie eingeführt wurde.

Das Ritual beinhaltete auch gespielten Widerstand der Braut gegen den Auszug aus ihrem bisherigen Zuhause. Am Haus des Bräutigams angekommen, taten ihre weiblichen Verwandten so, als ob sie sie nicht hergeben wollten; nur mit „Gewalt“ musste der Bräutigam sie aus den Händen ihrer Verwandten befreien; erst dann durfte er sie zeremoniell über die Schwelle seines Hauses tragen. Dieses Ritual sollte die Wichtigkeit dessen betonen, was die Braut durch den Umzug aufgab. Am Ende der Hochzeitszeremonie wurde sie zur Priesterin des Familienfeuers im Haus des Bräutigams ernannt. Selbst in späteren Zeiten, als der Tempelbesuch zur Hochzeit gehörte, fand die eigentliche Heiratszeremonie zuhause statt.

Der Historiker betont, dass diese Vereinigung der Familien derart ernst und wichtig war, dass es nur einmal im Leben des Menschen stattfinden durfte. Polygamie und Scheidung waren verboten. Eine unfruchtbare Frau konnte dagegen geschieden werden, weil sie die Kontinuität der Familienlinie verunmöglichte. Eine Adoption war sehr unüblich, und nur möglich wenn das Paar keinen Sohn zeugen konnte. In dem Fall wurde der zweitgeborene Sohn des nächsten Verwandten des Ehemanns aufgenommen.

Angesichts der Wichtigkeit der Generationennachfolge innerhalb der Familie war die Untreue der Ehefrau unbedingt mit dem Tode zu bestrafen. Der betrogene Ehemann besaß noch nicht einmal das Recht, seiner untreuen Frau zu vergeben. Selbst wenn er auf die Todesstrafe verzichtete, so mußte er immer noch seine Frau verstoßen. Die Untreue der Ehefrau beendete in jedem Fall die Ehe, denn die Reinheit der Familienlinie war in diesem Fall nicht mehr gewährleistet.

Weil nur Söhne die Vorfahren rechtmäßig ehren konnten, starb nach einem Mann, der keinen Sohn hinterlassen hatte, auch seine ganze Familienlinie aus. Aus dem Grund wurden unter den Spartanern für die Verteidigung der Thermopylen vor den Persern 480 v.Chr. ausschließlich verheiratete Männer ausgewählt, die dazu noch bereits mindestens einen Sohn gezeugt hatten.

Das Land, auf dem sich der Familienherd befand und wo die Ahnen beerdigt waren, war heilig. In Sparta und wohl auch in der Frühzeit Roms war es verboten, dieses Land zu verkaufen, weil es nicht das individuelle Eigentum des jeweiligen Familienmitglieds war, sondern allen Generationen – den vorangegangenen wie den noch hinzukommenden – der Familie gehörte. Er konnte das Land ausschließlich an seine Kinder weitergeben. (…) In manchen Städten im antiken Griechenland konnte das Land im Familienbesitz noch nicht einmal zwischen den Kindern aufgeteilt werden; das war übrigens der wichtigste Grund für die griechische Expansion im Mittelmeerraum. (…) Als Symbol der Kontinuität nahmen die Auswanderer immer einen Klumpen Erde aus ihrer Heimat mit in die Ferne.

Die Bevölkerung der Stadtstaaten bestand aus Sippen von miteinander verwandten Familien; die Loyalität gegenüber der Stadt war fast gleichrangig mit der Loyalität gegenüber der eigenen Familie. Die Zugehörigkeit zur Stadt war dermaßen verinnerlicht, dass ein Leben außerhalb undenkbar war. Exil war gleichbedeutend mit dem Tod, und wurde verurteilten Verbrechern häufig als Alternative zur Exekution angeboten. Auch unter römischem Recht galt Exil als Kapitalstrafe. Der Exilant durfte überdies nicht in der Familiengruft bestattet werden.

Die frühen Religionen waren allesamt nicht universal; jede Stadt hatte ihre eigenen Götter. Auch die späteren Himmelsgottheiten erhoben keine universalen Ansprüche; sie wurden nur lokal verehrt und waren zuständig nur für den Schutz der eigenen Leute. Aeschylos lässt eine seiner Theaterfiguren sagen: „Ich fürchte nicht die Götter deines Landes; ich schulde ihnen nichts!“

Fremde

Der Buchautor betont, dass Fremde im alten Griechenland und in Rom keinerlei (Sozial- oder Recht-) Status besaßen. Sie hatten keine anerkannte Religion; konnten keine Bürger werden, noch nicht einmal durch Heirat; genossen keinen Rechtschutz, mancherorts durften sie unbestraft getötet werden. Ein Ausländer konnte sich als Gast eines Bürgers dort aufhalten, durfte aber nicht Teil der Familie oder des Stadtstaates werden.

Als die antiken Staaten sich allmählich ausdehnten und dadurch auch naturgemäß Fremde aufnahmen, wurden sie gezwungen, ihnen gegenüber Zugeständnisse zu machen. Sklaven beispielsweise konnten einen familienähnlichen Status erlangen und in der Familiengruft bestattet werden – im Gegenzug aber verzichteten sie auf jedweden Freiheitsanspruch für immer. Im Gegensatz zum späteren Rom war eine Einbürgerung im alten Griechenland so gut wie unbekannt. Diese erforderte unter anderem die Stimmen eine großen Mehrheit der Einwohner.

Wie alle erfolgreichen Gesellschaften in der Geschichte übten auch Griechenland und Rom eine starke Anziehungskraft auf Fremde aus. Anfangs durften diese nicht innerhalb der Städte wohnen; das Ergebnis waren Ausländerkolonien draußen vor der Stadt. Allerdings entstand mit der Zeit die Notwendigkeit, zumindest einigen von den Fremden einen Rechtsstatus zu verleihen. Das war der Beginn des Bürgschaftswesens. Ein Fremder durfte nun bestimmte Rechte in Anspruch nehmen und beispielsweise Handel treiben, wenn er einen Bürgen unter den autochthonen Einwohnern fand.

Das Buch führt die Ursache für den Zerfall des antiken Roms auf die rasch wachsende ausländische Bevölkerung zurück. Die Fremden wurden allmählich so zahlreich, dass sie schließlich einen gesicherten Status und sogar politische Rechte verlangten. Ihre fremdartige Kultur und unklare Loyalität veränderten das römische Staatswesen tief und nachhaltig. Die Fremden fügten Rom einen irreparablen Schaden zu.

„Rom verfiel, weil die Römer aufgrund von ständigen Kriegen knapp wurden. Es verfiel aber auch moralisch durch den übermäßigen Wohlstand und durch den Niedergang der bis dahin überlieferten nationalen Traditionen, Regeln, Normen und Religion – und letztendlich durch die Machtergreifung von nicht-römischen Gruppen innerhalb des riesigen römischen Reiches (…) Rom zerfiel, weil es sein kulturelles und genetisches Erbe verloren hatte“, so der Autor.

Das Buch trägt eine immens wichtige Botschaft – für diejenigen, die aus der Geschichte zu lernen imstande und willig sind.

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