Willanders – Rechts vor Links

4. November 2015

Deutsche Human Ressources für das neue Jahrtausend

Filed under: demokratie,freiheit,meinungsfreiheit,politik — willanders @ 12:02
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Nicolaus Fest,
ehemals stellvertr. Chefredakteur BILD

Garantie des Untergangs: Assessmentcenter

Vor Jahren war ich Assistent des damaligen Vorstandsvorsitzenden von Gruner+Jahr, Gerd Schulte-Hillen. Die Bertelsmann-Tochter, Heimat extrem erfolgreicher Titel wie STERN, GEO, BRIGITTE, CAPITAL sowie großer Zeitschriften in Frankreich und den USA, galt als eine der ersten Adressen für junge Manager und Journalisten. Die Personalabteilung war winzig, vom Vorstand wurde sie eher belächelt. Schulte-Hillen und seine Kollegen führten die Einstellungsgespräche mit potentiellen Führungskräften selbst. Und ihre Auswahl war nicht schlecht. Viele der früheren Assistenten sind in hohen Positionen oder haben eigene Unternehmen aufgebaut.

Noch zu meiner Zeit wechselte die Leitung der Personalabteilung, ‚Human Ressources‘ rüstete auf. Das Auswahlverfahren wurde ‚professionalisiert‘, immer neue Führungs- und Kompetenz-Workshops eingeführt. Dem Unternehmen hat das nicht eben genutzt. Heute ist Gruner+Jahr ein Schatten früherer Zeiten. Die großen Auslandsbeteiligungen sind verkauft, Auflagen und Anzeigenumsätze der heimischen Titel seit Jahren rückläufig, Innovationen nicht zu sehen. Und die Digitalisierung wurde verschlafen.

chainSo wurde eine Prophezeiung wahr. Scharfsichtig hatte Johannes Gross, Herausgeber von CAPITAL und einer der klügsten Köpfe im Vorstand, einst bemerkt: „Unternehmen, die Assessment-Center für Führungskräfte einführen, sind dem Untergang geweiht.“ Gleiches, so Gross, gelte für ethische Verhaltensregeln. Wer sie aufschreiben müsse, sei bereits verloren. Nur für Anleger hätten sie einen Wert. Aktien von Unternehmen, die diesem Unfug frönten, sollte man aus dem Depot verbannen.

Unerreicht. Doch ist jenseits solcher Späße schon zu fragen, warum all dieses Gewese um Personalentwicklung, Führung und Verhaltenscodices so dramatisch fehlläuft. Denn die zahllosen Kartellverfahren wie die Skandale bei Deutscher Bank, bei Volkswagen, Siemens, Ergo oder Karstadt lassen sich auch als ein Scheitern dessen betrachten, was Personalentwicklung immer versprach: Die Schaffung des zwar zielstrebigen und durchsetzungsfähigen, aber eben auch verantwortungsvollen Managers. Geklappt scheint das nicht zu haben. Und auch für die Zukunft ist wenig Hoffnung.

Warum? In einem Satz: Weil der Streit keine Fürsprecher mehr hat. Das gilt für alle Bereiche, ob im Sport, in der Politik, in den Medien. Und vor allem in Unternehmen. Wer auffällt, ist raus. Schulte-Hillen bevorzugt Leute, die ihm widersprachen. Er empfand abweichende Meinungen als Bereicherung, nicht als lästig. Heute werden solche Kandidaten bereits im Assessment-Center aussortiert.

Zugrunde liegt eine allgemeine Entwicklung. „Weil wir sehr demokratisch erzogen wurden, halten wir auch die Wahrheit notwendigerweise für eine kollektive“, meinte unlängst der Internet-Milliardär Peter Thiel. Daher herrsche ein „künstlicher Konsens über alle großen Fragen.“ Wer ihn nicht mitträgt, sich vielleicht sogar gegen ihn stellt, hat es schwer. Denn selbst wenn sich die Skepsis gegenüber der Mehrheitsmeinung als richtig erweist, wird es nicht gedankt. Wer den Konsens hinterfragt, gilt bald als nicht teamfähig. Spätestens dieses Verdikt ist dann das Ende der Karriere.

Der „künstliche Konsens“, den Thiel konstatiert, ist an vielen Stellen zu sehen, vor allem aber an der Diskussion um die Frauenquote. Ganz abgesehen von allen verfassungsrechtlichen Fragen: Jeder weiß, dass Quote Unfug ist. Quote, Mutterschutz und Spezialisierung gehen vielleicht in Großunternehmen zusammen; schon mittelständische Betriebe dürften sich damit schwertun. Und in technischen Berufen ist die Quote auch mit bestem Willen nicht zu erreichen, weil es an ausgebildeten Frauen fehlt. Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik oder Physik sind an den Universitäten so fest in männlicher Hand wie Anglistik, Kunstgeschichte oder Psychologie in weiblicher. Statt aller Zahlen: Fünf Prozent der in Deutschland angemeldeten Patente wurden 2014 von Frauen entwickelt, 95% von Männern. Das sagt schon einiges.

Aber niemand sagt es. Wer die Frauenquote offen als dummes Zeug abtut, als diskriminierende Verletzung des Leistungsprinzips, gilt als Frauenfeind, Macho, vorgestrig, als „nicht hilfreich“. So loben alle des Königs neue Kleider. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist das verhängnisvoll.

Doch ist die Frauenquote nur ein Beispiel von vielen. Zugrunde liegt allen eine kollektivistische Konsenskultur, die Opportunismus und Anpassung belohnt. Zudem, und das erklärt auch die Skandale der letzten Zeit, sorgt sie für die Erosion des Ethischen. Kollektive werden bestimmt von Rücksichtnahmen, vom Geben und Nehmen. Jeder Vorstand weiß um die wunden Punkte der anderen – wie auch der eigenen. So entsteht oft ein Konsens des gegenseitigen Wegschauens. Dinge, die kein Vorstandsmitglied seinen Kindern durchgehen lassen würde, werden möglich. PeerGroups und Kollektive, das zeigt sich selbst in kirchlichen Organisationen, sind kein Garant für Werteorientierung. Sondern eher deren Bedrohung.

02. November 2015

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