Willanders – Rechts vor Links

8. Oktober 2015

Risikoschub

Filed under: demokratie,politik — willanders @ 08:30
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In seiner Diplomarbeit an der Management-Hochschule des Massachusetts Institute of Technology untersuchte der Student Stoner den sogenannten „Risiko-Schub“ (risk boost), der zustande kommt, wenn sich eine Gruppe auf die Voraussetzun­gen einigen soll, die erfüllt sein müssen, damit eine bestimmte Ent­scheidung getroffen oder empfohlen werden kann. Bei den einschlä­gigen Versuchen werden Situationen geschildert, in denen jew­eils zwei Alternativen zur Auswahl stehen: Ein Ingenieur kann z. B. bei der großen Firma, für die er schon seit mehreren Jahren ar­beitet, in einer relativ bescheidenen Position bleiben, oder er kann in einem neuen Unternehmen eine interessantere und besser be­zahlte Stel­lung übernehmen.

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Wie verlockend das Angebot ist, hängt u. a. von der wirtschaftlichen Solidität der neuen Firma ab. Zu beantworten haben die Versuchs­personen daher – zunächst einzeln und dann nach einer Diskussion als Gruppe – die Frage, wie groß die Chancen für eine gedeihliche Entwicklung der neuen Firma sein müßten, damit für den Ingenieur ein Stellenwechsel in Betracht käme. Zur Auswahl stehen für die Antwort die Proportionen 0 bis 9. Wer nur wenig an Sicherheit bean­sprucht, wird vielleicht schon bei einem Chancenverhältnis von 3:0 den Wechsel in Erwägung ziehen; er gilt damit als besonders risiko­bereit, während ein anderer, der lieber auf „Nummer Sicher“ setzt, ein Chancenverhältnis von 8:0 verlangen könnte.
Das Ergebnis: Nach der Diskussion liegt der Sicherheitsanspruch, auf den sich die Mitglieder einigen, in der Regel niedriger als der Mittelwert ihrer individuellen Schätzungen vor der Diskussion. Das heißt: ihre Risikobereitschaft hat zugenommen, es ist ein „Ri­siko-Schub“ erfolgt. Das ist deshalb so beunruhigend, weil wir im allge­meinen damit rechnen, daß Gruppen – Expertengremien oder politi­sche Körperschaften – bedachtsamer urteilen als Einzelperso­nen und daß sie sich weder von den „Falken“ noch von den „Tauben“ zu einem allzugroßen Risiko hinreißen lassen. Genau das aber trifft nicht zu. Die Gruppenentscheidung ist fast immer extremer als die mittlere Individualentscheidung.
Sehr beunruhigend! Zum Beispiel im Hinblick auf die Eurokrise. Wer erwartet, dass der Bundestag „weise“ Entscheidungen trifft, liegt ganz falsch. Genauso falsch, wenn man erwartet, dass das „demokratische“ System das beste für uns ist, weil es die klügsten Entscheidungen trifft. Beunruhigend.

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