Willanders – Rechts vor Links

27. April 2013

Das Erbe der 68er: Betreutes Denken

Tschernobyl jährt sich heute wieder. Anlass genug für die Frage nach dem Verbleib der Ideale der 68er. Zu Fragen: Was ist aus diesen Idealen geworden, ist falsch, denn von ihnen ist nichts übrig geblieben. Im Gegenteil: freedom hat sich längst in einen unkündbaren Beamtenjob als Fahrradbeauftragte bei der Stadtverwaltung verwandelt, rock`n`roll verdammt lang her in BAP, Onkel Ho in Jürgen TrittIhn! und die Mao-Bibel in die taz. Die schütter gewordene Mähne wird nun mit vitaminhaltigem Shampoo mit Aloe-Vera-Extrakten gewaschen. Der Sex hat sich rein biologisch erledigt und wird nicht mehr auf dem Küchentisch konsumiert, sondern am Esstisch kompensiert. Wie konnte das alles passieren!

Vielleicht war Tschernobyl eine der Weichen, vielleicht die wichtigste, die eine Rechtfertigung für die Umkehr von allen alten Idealen endlich erlaubte. Nach den unhygienischen Verhältnissen in den schäbigen Kinderläden und später in Woodstock hat der Unfall im ukrainischen AKW den 68ern den Rest gegeben. Der Muff unter den Talaren war nicht der einzige unangenehme Stoff, wie sich nun schockartig herausstellte. Der Revolutionär entdeckte nun in sich nicht nur das innere Kind, sondern auch eine Sehnsucht nach Sauberkeit und Ordnung. Nach Tschernobyl dürfte man als Revolutionär endlich Feierabend machen. Es war in der letzten Zeit schliesslich zu anstrengend geworden, den widerborstigen Arbeitern ihre aussichtlose Lage angesichts der ausbeuterischen Kapitalisten klar zu machen. Statt zuzuhören stiegen die undankbaren Proletarier in ihren Mercedes und fuhren auf dem Weg in ihr Eigenheim noch an der Getränkehalle vorbei und luden das Auto mit Bier und Kartoffelchips voll für den Fussballabend auf dem heimischen Sofa. Nee, so ging das nicht weiter. Was anderes musste her.

Die Umwelt!, ja die Umwelt wurde nun zum Kampfobjekt auserkoren. Die konnte sich nicht wehren, und einfach wegfahren schon gar nicht, dafür haben sie später mit ihrer Ökosteuer gesorgt. Die ehemaligen Kopfsteinpflaster-Werfer durften nun mit gutem Gewissen auf einer Designercouch, mit einem Glas Rübensaft aus dem Bioladen in der Hand, ihren Laptop aufklappen und online prüfen, ob das Gehalt vom Staat auf dem Konto pünktlich eingegangen ist, während in der Küche die vollautomatische Miele-Waschmaschine ihre total gewaltfrei genähten Markenjeans blitzblanksauber und völlig geräuschlos in der Trommel drehte. Geräuschlos ist wichtig, sonst würde man die aktuelle Tagesschau verpassen und damit nicht auf dem neuesten Stand sein, was man politisch unbedingt verabscheuen sollte.

Zum Beispiel Steuersünder, die ins Steuerparadies wollen. Das geht natürlich nicht. Zuerst kommt das Fegefeuer der Tagesschau und der Süddeutschen Zeitung. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder dem Staat Steuern entziehen würde, diese sind schliesslich sein Eigentum, gell! Was? Der Staat nimmt immer mehr ein, und macht trotzdem immer mehr schulden? Nein, die Tagesschau hat doch gerade berichtet, dass der Staat wieder gespart hat: Statt wie geplant 25 Milliarden Neuschulden, wird er diesjährig nur 17 Milliarden Kredite aufnehmen. Ist doch klasse, denkt sich der inzwischen verbeamtete Weltrevolutionär. Oh wie schön ist doch das betreute Denken mit Hilfe der deutschen Qualitätsjournalisten!

Im Gehirn des 68er findet man nur noch Spurenelemente seiner jugendlichen Freiheitsträume, wie Moleküle einer Haschischwolke, die vor Jahrzehnten vorbeiwehte, während aus dem Plattenspieler der purple haze aufstieg. Doch der Joint war gestern, morgen früh muss man schliesslich wieder ins Büro und für eine weitere Verschärfung des Werbeverbots für Zigaretten kämpfen. Ins Gestern gehört auch freedom`s just another word for nothing left to lose, heute hat man eine Menge zu verlieren. Zum Beispiel den Kampf gegen die Rassisten, die sich gegen die Frauenquote stellen. Und man munkelt, es soll noch mehr dunkle Ecken geben, die von Verboten und sonstigen Gängeleien – in der Umgangssprache auch gesetzliche Regelungen genannt – verschont geblieben sind. Noch.

Na ja, Kampf ist ja auch zu viel gesagt, man sagt das nur noch so, aus reiner Gewohnheit. Kämpfen muss man als Herrschender heute nicht mehr. All die Verbote der letzten Jahre wurden ja letztendlich von den denselben Leuten ohne Murren angenommen, die mit Mao-Bibel in der Hand und mit HohohoChi-Minh-Rufen in den sechziger Jahren durch die Strassen westeuropäischer Grossstädte den Rattenfängern folgten. Erstaunlich: Dieselben Leute finden nun den heutigen totalitären Staat mit seinen unzähligen Regeln und Verboten ganz toll. Dieselben Protestjugendlichen, die damals gegen jegliche Ordnung und Gesetz auf die Barrikaden stiegen, denken sich heute immer neue Gesetze und andere Verordnungen aus, um die Jugend zu Ordnung und Gesetzestreue zu zwingen. Vielleicht verteidigen sie den Staat heute deshalb auch so vehement, weil sie nun dort stehen, richtiger: sitzen, wo sie früher ihre Feinde verorteten? Und jetzt dürfen sie selber, die grössten Jäger der Elche.

Seitdem Nietzsche den Gott für tot erklärt hat, entscheidet darüber, ob etwas richtig oder falsch ist, die Perspektive. Ein und derselbe Zustand sieht völlig anders aus, je nachdem ob man ihn von unten oder von oben ansieht, vom Chaos aufwärts oder vom Ideal abwärts. Aus der ersten Perspektive ist jedes Anzeichen einer Ordnung ein Wunder, aus der zweiten erscheint noch die beste Wirklichkeit als ein Skandal. Alles ist relativistisch. Und die Frage nach dem Verbleib der Ideale der 68er? The answer my friend is blowing in the wind.

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2 Kommentare »

  1. l.st

    Das Erbe der 68er: Betreutes Denken | Willanders – Ceterum autem censeo BRD esse delendam

    Trackback von l.st — 1. März 2016 @ 04:37 | Antwort

  2. Sehr nettes Essay (liest sich etwas wie Joschkas Bio)

    Kommentar von alphachamber — 28. April 2013 @ 01:26 | Antwort


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