Willanders – Rechts vor Links

13. Oktober 2010

Thea Dorn – die Heilige der Wendehälse

Jede Religion braucht ihre Heiligenhallen, ein Sanktuarium, in dem diejenigen verehrt werden, die sich auf ihrem Gebiet besonders hervorgehoben haben. Der Blogbetreiber findet, dass auch der Wendehalsismus eine derartige Hall of Fame braucht, in der seine hervorstechendsten Verkünder mit einem oder mehreren Werken verewigt werden.

Heute machen den Anfang mit Fräulein Christiane Scherer alias Thea Dorn. Diese hat nämlich neulich in DIE ZEIT einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht, in dem sie sich als eine glühende Verehrerin der Meinungsfreiheit hervortut. Während und nach der Lektüre des Beitrags kann man sich schwerlich gegen den Drang wehren, das Friedensnobelpreiskomitee um eine Kandidatur für Frau Dorn anzugehen. Sie hat es mindestens so verdient wie Liu Xiabo! Nein! Herr Liu erweist sich angesichts dieser Jean d’Arc des Freien Wortes geradezu als eine Fehlbesetzung für den diesjährigen Friedensnobelpreis!

Der darunter stehende Artikel aus der taz von 2006 ist aber ebenfalls sehr lesenswert. Er könnte die Metaüberschrift haben: „Tribunal der Gutfrauen“. Kaum zu glauben: Beide stimmen aus der Feder von Fräulein Scherer/Dorn. Danach stellt sich nur noch die Frage, ob Fräulein Scherer/Dorn zwei verschiedene, zum Verwechseln ähnlich aussehende Personen sind, oder ob diese Person eine multiple Persönlichkeit ihr eigen nennt, gemäss dem Motto: Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Meinungsfreiheit

Tribunal der Gutmeinenden

Nicht nur der Fall Sarrazin zeigt: Wer im öffentlichen Streit deutliche Worte riskiert, kommt für höhere Ämter nicht mehr infrage. Ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit.

  • Von: Thea Dorn
  • Datum: 2.10.2010 – 14:43 Uhr
Könnte Martin Luther heute Ratsvorsitzender der EKD werden? Wohl kaum - er nahm zu wenig Rücksicht auf Empfindlichkeiten 

Könnte Martin Luther heute Ratsvorsitzender der EKD werden? Wohl kaum – er nahm zu wenig Rücksicht auf Empfindlichkeiten

Martin Luther hätte schlechte Karten, wollte er sich in diesem Herbst um den vakanten Posten des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland bewerben. Ein wachsamer Chronist hätte sich erinnert, dass der Reformator bei einer seiner Tischreden gesagt hat: »Armut ist in der Stadt groß, aber die Faulheit viel größer.« Am nächsten Tag hätte der Satz in allen Zeitungen gestanden, ein Empörungschoral wäre aufgebrandet mit dem Cantus firmus: Tief betroffen vernehm’ ich solch’ menschenverachtend’ Wort.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten hätten sich ihres öffentlich-rechtlichen Auftrags erinnert und den Unruhestifter zum spätabendlichen Tribunal geladen. Neben dem Moderator hätte eine prominente Grünen-Politikerin gesessen, der Vertreter des Zentralrats der Juden hätte abgesagt, weil er nicht mit einem ausgewiesenen Antisemiten an einem Tisch sitzen wolle. Stattdessen hätte die Redaktion einen Gast muslimischen Glaubens hinzugebeten, der Luther als Türkenhasser und Kreuzzügler entlarvt hätte. Eine alleinerziehende Mutter (Hartz IV, protestantisch, engagiertes Kirchenmitglied, überlegt jetzt auszutreten) wäre in dem Gefecht wahrscheinlich nicht zu Wort gekommen, hätte aber die ganze Zeit auf ihrem Betroffenenstühlchen gesessen, und die Regie hätte sie uns oft im Bild gezeigt. Der Polterer selbst hätte das Fernsehstudio kaum verlassen, ohne seine Ankläger mindestens einmal als »Hure«, »Rotzlöffel« oder »Schwein aus der Herde Epikurs« bezeichnet zu haben. Binnen eines Tages wäre Martin Luther als Kandidat für den Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland erledigt gewesen.

Nein, Thilo Sarrazin ist nicht der Luther des frühen 21. Jahrhunderts. Dafür sind seine Thesen zu wenig neu und radikal, dafür ist er im Auftritt nicht grob genug. Umso deutlicher beweisen die Vorgänge der letzten Wochen, wie empfindlich die politisch-medialen Nerven sind, wenn ein öffentlicher Redner das Feld des freundlich Konsensfähigen, des sprachlich Wattierten verlässt – und dass in der Bevölkerung das Bedürfnis nach Figuren wächst, die genau dies wagen.

Die Kommentatoren machen es sich zu einfach, wenn sie hinter der Zustimmung, die Sarrazin erfährt, den alten deutschen Mob wittern. Es ist nicht die Sehnsucht nach Blut und Boden, die Hunderttausende in die Buchhandlungen treibt und Deutschland schafft sich ab kaufen lässt. Es ist die Sehnsucht nach aufrechten Streitern. Nach kernigen, unangepassten Figuren, die sagen, was sie meinen. Und meinen, was sie sagen. Die bereit sind, ihre Positionen stur zu vertreten, und nicht eben mal einen knalligen Provokationsballon aufsteigen lassen, von dem jedem klar ist, dass ihm beim ersten Gegenwind ohnehin die Luft ausgehen wird.

Wir haben eine ostdeutsche Kanzlerin, einen Außenminister, der soeben seinen Lebensgefährten geheiratet hat, einen jugendlichen Gesundheitsminister vietnamesischer Herkunft, einen Bundespräsidenten mit »Patchworkfamilie«: Noch nie war das Personal, das unseren politisch-öffentlichen Diskurs bestimmt, »bunter« als heute. Noch nie wirkte es so farblos, gehemmt und uniform. Die einst gesellschaftlich Marginalisierten sind im Zentrum der Macht angekommen. Dort agieren sie, als wollten sie sich und uns permanent beweisen, dass sie vor allen Dingen eins sind: nichts Besonderes, biederer Durchschnitt, ganz normal. Der Eindruck verstärkt sich, gut geölten Politrobotern beim Funktionieren zuzuschauen. Bisweilen möchte man ihnen an die Brust klopfen und fragen: »Hallo, ist da noch wer zu Hause?«

Verharmlosungen sind geschützt, Polemik gilt als Volksverhetzung

Politik ist ein seelenloses, technokratisches Geschäft geworden. Um die real existierende Kälte in gefühlte Wärme zu verwandeln, ist es nötig, möglichst viel von »den Menschen« zu sprechen. Auf deren »Bedürfnisse« man eingehen wolle. Die man nicht »ausgrenzen« dürfe, sondern »in die Mitte nehmen« beziehungsweise »abholen« müsse. Je weniger unsere Politiker die Leute emotional erreichen, desto menschelnder wird ihr Ton. Der Beifall, den Thilo Sarrazin erhält, ist in erster Linie ein Aufschrei derjenigen, die den verlogenen Kuschelsound nicht mehr ertragen. Deshalb ist es doppelt schockierend, zu sehen, wie unfähig unsere politische Klasse ist, dem »Provokateur« oder »Spalter« anders zu begegnen als mit noch höheren Dosen ebenjenes Lullefix, gegen das der Störenfried zu Felde zieht.

Ein Lieblingsvorwurf lautet: Sarrazin differenziere nicht genug. Es sei beleidigend und diskriminierend, alle Muslime in diesem Land über einen Kamm zu scheren. Ich frage mich: Inwiefern differenzieren die Gutmeinenden, die uns seit Jahren quer durch alle Parteien vorbeten, Deutschlands Öffnung hin zu einer »bunten Republik« stelle eine »Bereicherung« dar? Ist dieser Satz, der bis vor Kurzem auf fast jedem Podium artig beklatscht wurde, nicht ebenso dumm wie sein Gegenteil?

Die nüchterne Wahrheit lautet: Manche Einwanderer bereichern dieses Land. Andere tragen zu seiner Verarmung und Verwahrlosung bei. Die größte Gruppe macht ihren Job, lebt hier ein ganz gewöhnliches Leben. Wir freuen uns, dass es so ist. Aber was, außer dem herzerhebenden Gefühl, ein guter Mensch zu sein, wird gewonnen, wenn der offizielle Diskurs darauf besteht, uns das höchst komplexe Gesamtphänomen Einwanderung pauschal als »Bereicherung« zu verkaufen? Der Euphemismus eignet sich noch weniger als die Polemik, eine täglich unübersichtlicher werdende Wirklichkeit in den Blick und vielleicht auch in den Griff zu bekommen. Dennoch genießt der Euphemist uneingeschränkt den Schutz der Meinungsfreiheit, die in diesem Land jedem Einzelnen verfassungsrechtlich garantiert ist. Der Polemiker hingegen riskiert ein Verfahren wegen Volksverhetzung.

Wer nach oben kommt, wird auf dem Weg dorthin kieselrund geschliffen

Als Sarrazin sich im vergangenen Herbst in seinem berüchtigten Lettre- Interview über die »Kopftuchmädchen« ausließ, nahm die Staatsanwaltschaft Berlin Ermittlungen gegen ihn wegen des Anfangsverdachts auf Volksverhetzung auf. Das Verfahren wurde eingestellt. Nach Erscheinen seines Buches haben der Vorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg und mehrere Anwälte abermals Strafanzeige gegen den Autor erstattet. Die Bundeskanzlerin dürfte darin nichts sehen, was eine Demokratin beunruhigen sollte, im Gegenteil. Stattdessen hat sie das inkriminierte Werk als »wenig hilfreich« abgekanzelt. Welch kurzsichtiges Verständnis von Meinungsfreiheit drückt sich bei ihr aus, wenn Angela Merkel es sich nicht nehmen lässt, im selben Zeitraum die Festrede bei der Verleihung eines deutschen Medienpreises an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard zu halten, der seit seiner Mohammed-Zeichnung von Islamisten mit dem Tod bedroht wird und im vergangenen Winter nur knapp einem Anschlag in seiner eigenen Wohnung entkommen ist?

Der Bundeskanzlerin scheint die schale Ironie zu entgehen, die sich ergibt, wenn sie Kurt Westergaard bescheinigt, er müsse solche Karikaturen zeichnen dürfen, »egal ob wir sie für nötig und hilfreich halten oder eben nicht«, und bei ihrer Festrede als »Geheimnis der Freiheit« den »Mut« preist. Ist Meinungsfreiheit erst dort in Gefahr, wo unliebsame Autoren und Künstler mit dem Tod bedroht beziehungsweise tatsächlich attackiert werden? Lässt sich in einem demokratisch triftigen Sinne von Meinungsfreiheit reden, wenn das unausgesprochene Gesetz lautet: Natürlich darf bei uns jeder offen seine Meinung sagen – nur soll er, bitte, nicht glauben, er könne dann noch ein relevantes öffentliches Amt bekleiden oder anstreben?

Es ist wohl Merkmal aller etablierten Machtsysteme, dass sie diejenigen in die obersten Positionen spülen, die sich auf dem Weg dorthin haben kieselrund schleifen lassen. In totalitären Systemen werden die Charaktere mit Ecken und Kanten gleich abgeholt – und zwar nicht in der neuen philanthropischen Bedeutung des Wortes. In einer demokratisch verfassten Gesellschaft wie der unseren duldet man sie als Hofnarren.

Ernüchtert stellt man fest, dass auch die Demokratie den Opportunismus, das Duckmäusertum befördert. Gewiss: Dem Abweichler droht hier weder Gefängnis noch Folter, noch Tod. Sondern der Karriereknick. Es ist übertrieben, auf Thilo Sarrazin, den sein Buch nicht den Kopf, sondern seinen Job als Bundesbanker kostete, das große Wort »Märtyrer« anzuwenden. Die vielen, die am privaten Stammtisch ebenso reden wie er und flugs auf Rechtschaffenheitsrhetorik umschalten, sobald ein Mikrofon angeht, darf man jedoch getrost Feiglinge nennen.

Solange es renommierte Publikumsverlage gibt, die ein Buch wie das von Sarrazin drucken, solange es Veranstalter gibt, die den Autor einladen, nachdem andere Veranstalter ihn aufgrund von »Sicherheitsbedenken« wieder ausgeladen haben, solange es also eine wache und offene Zivilgesellschaft gibt, muss man der Meinungsfreiheit in Deutschland noch keine Kerze anzünden. Politische Versuche, die Meinungsfreiheit einzuschränken, wie der Vorstoß der niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan, die im vergangenen Sommer die Medienvertreter ihres Landes darauf verpflichten wollte, über »Sachverhalte und Herausforderungen der Integration« künftig nur noch in »kultursensibler Sprache« zu berichten, scheitern bislang an ihrer Unbeholfenheit. Die Frage ist bloß, wohin dieses Land driftet, wenn sich die Kluft zwischen der Zivilgesellschaft und der politischen Klasse weiter öffnet.

Ein humanistisch gebildeter Berserker wie Franz Josef Strauß würde es heute allenfalls zum Bezirksbürgermeister von München-Maxvorstadt bringen. Politiker, an denen man sich stoßen, reiben kann, die man tief liebt oder aus ganzer Seele hasst, sind von der Bühne verschwunden. Das heutige politische Personal lädt sein Wahlvolk dazu ein, sich mit ihm möglichst kollisionsfrei zu arrangieren.

Freundlichkeit, Behutsamkeit, auch im sprachlichen Miteinander, können eine Gesellschaft vitalisieren, Kräfte freisetzen. Ebenso gut können sie das Mäntelchen sein, mit dem die eigene Orientierungslosigkeit kaschiert wird. »Respekt« ohne Selbstrespekt ist entweder eine hilflose oder eine verlogene Geste. Diejenigen, die niemanden mehr durch Strenge brüskieren wollen, lassen sich von einer vulgarisierten Form der Demut leiten, nach dem Motto: »Wer sind wir elenden (westlichen, deutschen) Sünder, von anderen die Einhaltung unserer Werte einzufordern.«

Am 31. Oktober 2017 feiern wir den fünfhundertsten Jahrestag des Lutherschen Thesenanschlags zu Wittenberg. Es schadet nichts, sich heute schon an seine 32. These zu erinnern: »Die werden samt ihren Meistern in die ewige Verdammnis fahren, die da vermeinen, durch Ablassbriefe ihrer Seligkeit gewiss zu sein.«

Thea Dorn ist  Schriftstellerin und  Theaterautorin. Sie moderiert die Fernsehsendung »Literatur im Foyer«

Es sind noch keine vier Jahre her, da hat Fräulein Dorn folgenden Text veröffentlicht – den sie selbstredend inzwischen von ihrer Webseite gelöscht hat, auch die Ursprungsquelle will davon nichts mehr wissen. Wie gut, dass das Internet nichts vergisst. Hier unterstellt sie Eva Herman unverhohlen eine extreme Nähe zum Nazionalsozialismus. Fräulein Scherer/Dorn war bei der medialen Hetzjagd auf Eva Herman ganz, ganz vorne dabei. Das wollen wir, dürfen wir nicht vergessen.

Und würde ich in meinem Freundeskreis ein kleines Experiment durchführen und überraschend fragen, von wem der folgende Text stammt, dann würden mindestens 50 Prozent meiner Freunde wie aus der Pistole geschossen antworten: „Aus der Prawda!“  Hier der Text – aus der TAZ:

„Das Eva-braun-Prinzip“ von Thea Dorn

Unlängst führte ich in meinem Freundeskreis ein kleines Experiment durch. Ich fragte: „Woher stammt folgendes Zitat?“: „Viele Frauen wollen Kinder und eine harmonische Familie. Selbst Frauen, die im Beruf aufgehen, verspüren den Wunsch nach Kindern. Von ihrem Opfer und der Bereitschaft, eine Schwangerschaft und auch die Einschnitte danach auf sich zu nehmen, hängt das Überleben des deutschen Volkes ab.“ 50 Prozent meiner Freunde tippten auf das „Eva-Prinzip“ von Eva Herman und ihrer Co-Autorin Christine Eichel. Knapp 50 Prozent tippten auf Frank Schirrmachers Frühjahrsbestseller „Minimum – Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft“. Und die wenigen unter meinen Freunden, die „Die Zeit“ wirklich gründlich lesen, tippten auf ein bislang unveröffentlichtes Manuskript von Ulrich Greiner, der im April in besagter Wochenzeitung die Opferbereitschaft der Frau als Mutter besungen hatte. Alles falsch. Die zitierten Sätze finden sich auf der Homepage der NPD. Und zwar auf der Berliner „Heimseite“ unter dem Titel „Frauen, die sich trauen …“.

Was will uns dieses Experiment zeigen? Dass ich einen zu Sarkasmus neigenden Freundeskreis habe? Oder dass wir in den letzten Monaten von wohl etablierten Diskursteilnehmern mit grenzbraunen Ansichten in Sachen „Mutterschaft“ und „natürliche Rolle der Frau“ dermaßen zugeschüttet wurden, dass uns der Sound bekennender Rechtsradikaler in diesem Bereich gar nicht mehr „radikal“ erscheint? Hätte ich dasselbe Experiment vor einem Jahr gemacht, vor „Minimum“ und „Eva-Prinzip“, hätte nicht jeder einigermaßen wache Zeitgenosse sofort gesagt: „Was willste denn mit dem Neonazi-Zeug?“ Die unlängst erschienene Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Vom Rand zur Mitte“ weist nach, dass in Deutschland 2006 rechtsextremes Gedankengut beileibe kein Privileg derjenigen ist, die marodierend durch die ostdeutsche Provinz ziehen bzw. am Wahltag ihr Kreuz bei NPD, DVU oder anderen rechtsextremen Splitterparteien machen. Sondern – wie der Titel der Studie nahe legt – in der „Mitte“ der Gesellschaft fest verankert ist. Die Studie untersucht, wie verbreitet sozialdarwinistische, antidemokratische, totalitäre, ausländerfeindliche und antisemitische Einstellungen heute sind.

Das Ergebnis: Ein Schock. So stimmen etwa 26 Prozent unserer Landsleute der Forderung zu, was Deutschland jetzt brauche, sei „eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Rund 18 Prozent glauben, dass „der Einfluss der Juden auch heute noch zu groß ist“. Neben diesen offensichtlichen Kernkompetenzen des Rechtsextremen fragten die Forscher aber auch sexistische Einstellungen ab. Zum Beispiel: „Die Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen“ oder „Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen“. Das Ergebnis: Je rechtsextremer das sonstige Weltbild des – und ebenso der – Befragten, desto höher die Zustimmung zu sexistischen „Thesen“.

Bei jeder antisemitischen oder ausländerfeindlichen Verbalattacke rufen alle: „Wehret den Anfängen!“ Wieso ruft dies niemand bei den publizistisch-sexistischen Amokläufen dieser Tage? Weil wir Sexismus – im Gegensatz zu Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus – für Folklore halten? Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt einmal mehr: Sexismus ist keine Einstellung, die mit Rechtsextremismus zufällig einhergeht wie meinetwegen Vegetarismus. Sexismus ist ein ebenso treuer Begleiter des Totalitären wie Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Ist das Hirn erst einmal mit biologistischen Geschlechterstereotypen zutapeziert, sinkt die Scheu, den Rassegedanken einziehen zu lassen. „Emanzipation der Frau von der Frauenemanzipation ist die erste Forderung einer weiblichen Generation, die Volk und Rasse, das Ewig-Unbewusste, die Grundlage aller Kultur vor dem Untergang retten möchte.“ Was glauben Sie? Von wem stammt dieses Zitat? Nein. Auch nicht. Nein. Es findet sich im „Mythus des 20. Jahrhunderts“, dem zentralen Werk von Alfred Rosenberg. Er war der Chefideologe der Nazis. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er zum Tode verurteilt.

„Na toll“, werden Sie sagen, „genau so klingt es ja auch.“ Aber wie klingt der folgende Satz: „Ist es Zeit, die wahre Bestimmung der Weiblichkeit zu erkennen und in unserer Gesellschaft zu installieren, um uns zu retten?“ Klingt er nicht verdammt ähnlich? Er findet sich im „Eva-Prinzip“. „Jetzt mal halb lang“, werden Sie einwerfen. „Eva ist vielleicht ein bisschen dämlich. Aber doch nicht braun.“ Das ist sie natürlich nicht. Sie schreibt bloß Sätze wie: „Wenn wir das Feld solchen Aufwieglerinnen [gemeint sind Feministinnen, Anm. TD] überlassen, finden wir niemals einen Weg zurück zum selbstverständlichen Muttersein … Mit der unreflektierten und gehorsamen Gefolgschaft dieser feministischen Äußerungen erlauben wir vereinzelten, mit schwarzen Kutten getarnten Scharfmacherinnen, auf unsere persönlichen Geschicke Einfluss zu nehmen und uns in unser Verderben zu führen … Hetzen nicht gerade wir Frauen unter großem Druck diffusen Vorstellungen hinterher?“ Die gehetzte Frau trieb allerdings auch schon Rosenberg um: „Die „amazonenhafte“ Emanzipierte ist daran schuld, dass die Frau die Hochachtung vor ihrem eigenen Wesen zu verlieren begann und die Werte des Mannes zu den ihrigen machte. Dies bedeutete eine seelische Störung, ein Ummagnetisieren der weiblichen Natur, die denn auch heute irrlichternd dahinlebt.“

Die Beantwortung der Frage, welche der beiden Textstellen den „stürmerischeren“ Sound anschlägt, überlasse ich Ihnen. Die gedankliche und argumentative Nähe ist frappierend. Keine Angst. Ich will Eva Herman und ihrer Co-Autorin keinen Plagiatsvorwurf anhängen. Ich will einfach ein paar Zitate gegenüberstellen. „Die Forderung der heutigen Frauenemanzipation wurde im Namen eines schrankenlosen Individualismus erhoben.“ Bei wem steht’s? Richtig. Bei Rosenberg. Denn Eva ist schon einen Schritt weiter: „Das Hohe Lied des Individualismus hat längst seinen verführerischen Klang verloren … Auch mein Lebensmotto lautete viele Jahre lang: ‚Verwirkliche dich selbst!‘ Doch mittlerweile haben sich mir reichlich Gründe erschlossen, warum man sich von dieser gefährlichen Vorstellung befreien sollte.“

Was die wahre Bestimmung des Weibes ist, hat es sich erst mal von den „gefährlichen Vorstellungen“ befreit, verrät uns Eva natürlich auch: „Wenn wir uns zum Frausein bekennen und unserer Weiblichkeit folgen, werden viele Entscheidungen wesentlich einfacher, weil sie vorgezeichnet sind. Die Gestaltung eines Heims, einer Partnerschaft, in der wir an der Seite eines Mannes segensreich wirken können, das Leben in einer Familie mit Kindern, die uns zwar einiges abverlangen, doch mindestens ebenso viel Lebenskraft, Glück und reiche Erfahrungen schenken – all das ist wichtiger als das quietschende Hamsterrad.“ Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Was meint Eva mit dem Hamsterrad? Schlagen Sie nach bei Rosenberg: „Hinzu kam nun aber als verstärkendes Moment die sich durch Welthandel und Überindustrialisierung zuspitzende soziale Lage. Die Frauen waren gezwungen, ihren Männern in der Fabrik behilflich zu sein, um das Leben der Familie zu fristen.“ Sollte Ihnen diese Formulierung der Kapitalismuskritik zu männlich-terminologisch klingen, hier ist die weiblich-empathische: „Es ist unumgänglich, eine Wahrheit auszusprechen, die so gar nicht zum heldenhaften Begriff der Selbstverwirklichung passt: Oftmals ist er nur ein Deckmantel für wirtschaftliche Zwangslagen, die Frauen ungewollt in belastende Arbeitsverhältnisse drängen.“

Wo die beiden Recht haben, haben sie Recht. Keine rechte Einigkeit besteht jedoch in der Frage, wer denn nun schuld ist an der ganzen Geschlechterverwirrung. „Der Mann ist angesichts der heutigen Zustände durchaus nicht in Schutz zu nehmen. Im Gegenteil: er ist in erster Linie schuld an den heutigen Lebenskrisen. Aber seine Schuld liegt ganz wo anders, als wo die Emanzipierten sie suchen! Sein Verbrechen ist, nicht mehr ganz Mann gewesen zu sein, deshalb hat auch das Weib vielfach aufgehört, Frau zu sein.“ Schreibt Rosenberg. Eva teilt die Diagnose. Allerdings mag sie nicht erkennen, dass der verweichlichte Mann angefangen hätte: „Frauen dürfen schon lange keine Frauen mehr sein, wenn man den Thesen des Feminismus folgt, und nun dürfen auch die Männer keine Männer mehr sein! … Dauernd wird also am Mann herumerzogen, ständig werden neue Rollen und neue Regeln erfunden, als sei er ein wildes Gewächs, das erst beschnitten [sic!] werden muss, um in den Garten zu passen.“

In welchen Garten Eva passt, seit sie vom Schöpfer samt Adam und Apfel aus dem Paradies geschmissen wurde, weiß wiederum Rosenberg: „Verbrämt durch Pochen auf „Persönlichkeitswert“ und „Selbstbestimmung“ geben wahnwitzig gewordene Weiber den letzten Schutz ihres Geschlechtes preis, zerstören die einzige Form, die ihnen und ihren Kindern eine Lebenssicherheit bietet … Die Worte: „Eine Frau, die Selbstachtung besitzt, kann eine gesetzliche Ehe nicht eingehen“ (Anita Augspurg), darf man als Evangelium des erotischen Programms betrachten.“ ( „Erotisch“ können Sie hier mehr oder weniger mit „emanzipatorisch“ gleichsetzen.) Was dem Rosenberg sin Augspurg, is der Eva ihr Beauvoir: „Tief verinnerlicht haben die Enkelinnen Simone de Beauvoirs die Kriegserklärung an die traditionelle Frauenrolle, sind getragen von einem grundsätzlichen Misstrauen gegen die Männer … Bringen wir es auf den Punkt: Diesen Frauen hat der Feminismus sehr viel genommen, gegeben aber hat er ihnen nur die Nachahmung der männlichen Rolle … Einsamkeit. Das war es. Birgit wirkte einsam.“

Vielleicht hätte die arme Birgit statt der Beauvoir einfach den Rosenberg lesen sollen, dann hätte sie nämlich rechtzeitig erkannt: „Vom Standpunkt der Frau könnten Staat, Rechtskodex, Wissenschaft, Philosophie als etwas Äußeres angesehen werden. Wozu denn immer Formen, Schemen, Bewußtsein? Ist das dahinfließende spontane, Unbewußte im Erleben des Tiefsten nicht größer und schöner? Braucht es denn immer der Werke, um Seele zu beweisen?“ Und als hätte sie in einem früheren Leben nicht mit Bettina Tietjen, sondern mit Alfred Rosenberg Duett gesungen, zwitschert Eva: „Ist es wirklich so erstrebenswert … sich im Arbeitsleben zu beweisen? Ist es das, was uns der Verstand diktiert? Es stellt sich heraus, dass wir noch weitaus mehr vergessen haben als unsere ursprünglichen Sehnsüchte. Auch die Intuition wird immer stärker verdrängt, jene wunderbare Gabe, mit der wir Menschen ausgestattet wurden, vor allem die Frauen. Wir alle kennen dieses Bauchgefühl.“

Jawohl. Auch ich kenne dieses Bauchgefühl. Und es sagt mir in schönstem Einklang mit meinem Verstand, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn ein Bestseller im Jahre 2006 so klingt wie einer aus dem Jahre 1930. Der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ ist Gott – präziser: USA – sei Dank heute tatsächlich „Mythus“. Ihn brauchen wir nicht mehr zu bekämpfen. Seien wir einfach nur wachsam, wenn freundliche Zeitgenossen am „Mythus des 21. Jahrhunderts“ stricken.

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1 Kommentar »

  1. „Thea Dorn, Giovanni di Lorenzo, Axel Hacke im Generationspack oder die Krümmung “Der Zeit” zur Banane?“
    Die Krümmung „Der Zeit zur Banane, oder Angst als Ressource.
    Schon ist sie unterwegs, die Medien Meute auf der Suche der Angst von Heute als Beute.
    Dabei geht die Medien Meute von heute kongenial mit ihrem Riecher zu Werke wie die Trüffelschweine auf der Suche nach Trüffeln ohne Bildungsbüffeln.
    Die Entdeckung des eisigen Sten Naldony Klanges der Langsamkeit ist heutzutage längst bekannt.
    Aber die Entdeckung der Angst als Ressource der Medien zur Steigerung von Auflagen, Quoten ist immer wieder neu entdecktes Neuland.
    Justamente haben sich dieser Tage intelligente Zeitgenossen und Jungspunde, wie Giovanni di Lorenzo, Axel Hacke in ihrem durch den Zeitgeist dahin gleitenden Werk
    „Wofür stehst Du?, Kiepenheuer & Witsch, 2010,
    im Bunde mit dem flink und frechen Mundwerk Zicken Stachel Der Zeit, Thea Dorn bei Anne Will am 05.Novmber 2010, auf alte Pfade, neu entdeckt, gemacht,.
    Wozu das Ganze?
    Na klar!, um die Angst abonnierender Zeitgenossen/innen bis aufs Äußerste, bis aufs Abo- Beutels Messer Schneide, paradox intervenierend, fern von
    Altbacken demokratischem Toleranz Prinzipien wie
    “Audit altera pars!“,
    wo sie es vermögen, vor anderen Leuten, als Ihresgleichen Generation auszubeuten.
    Das erinnert mich an folgende kleine Geschichte:
    „Die Medien Meute schickt Drückerkolonnen in blühende deutsche Landen, Zeitgenossen vor sich her zu hetzen, die Messer als Abo- Beutelschneider zu wetzen, anzusetzen, da kommen mit fliegenden Angst Fahnen, Angst Korrektur Flaggen die Giovanni, Hacke, Dorn daher, den Zeitgenossen am Puls der Angst Der Zeit horchend, mit Schnalz auf der Zunge einzuflüstern:
    “Angst brauchen Sie nun wirklich nicht mehr zu haben. Es ist schon alles passiert, was Ihnen Angst gemacht.
    Angst hat der Mensch nur vor dem, was ihm bevorsteht.
    Sie aber haben bilden sich nur Angst ein, denn Sie haben schon alle Gründe der Angst schon hinter sich.
    Denken Sie an das Seveso Unglück von 1976, den GAU im Block 3 des AKW von Tschernobyl vom 26. April 1986, denken Sie an das Waldsterben von 1984
    („Wofür stehst Du?, Seite 100) .
    Das ist doch alles längst hinter unserer Zeit zurückgeblieben.
    Alles andere ist doch nichts außer die Krümmung Der Zeit zur Banane.
    Was uns allerdings mit dem Altkanzler Helmut Schmidt sehr wundert, ist das Entschwinden, ja die Auflösung der Angst von einst in robuste Heiterkeit und Spaßgesellschaft Unserer Zeit „UZ“:
    “Lieber rot als tot“,
    “Lieber Kommunismus als die globale Profiliration (Verbreitung) der Atomwaffen!“.
    Über die entschwundene Angst von einst sollten Sie aber wirklich einmal mit Der Zeit fundiert nachdenken.
    Da liegen wirkliche Abgründe der Apokalyptischen Hunde von Angst begraben.
    In diesem Zielführenden Sinne Der Zeit:
    „Es reicht nicht, irgendwie diffus Angst zu haben. Das kann jedermann.
    Es gilt ganz persönlich als Generationsangehöriger, gehörig, zu seiner und der Angst der anderen zu stehen!“
    Ihre
    Thea Dorn
    Axel Hacke
    Giovanni di Lorenzo
    (in alphabetischer Reihenfolge)

    JP

    Kommentar von Joachim Petrick — 11. November 2010 @ 03:50 | Antwort


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