Willanders – Rechts vor Links

19. November 2009

Nazionalsozialismus und Sozialismus – zwei Seiten einer Medaille

William S. Schlamm war ein austro-amerikanischer politischer Publizist. Ursprünglich Kommunist und Pazifist konvertierte er um 1937, entsetzt von den Massenmorden unter den Kommunisten – verniedlichend auch „Säuberungen“ genannt – vom Kommunismus zum Konservatismus. In Wien geboren, 1938 emigriert und 1959 wieder zurückgekommen,  wurde er in der jungen Bundesrepublik ein bekannter politischer Kommentator, zuletzt bei Springer für die Welt. Schlamm war ein engagierter Feind der Linken. In seinem Buch Glanz und Elend eines Jahrhunderts. Europa von 1881 bis 1971 (Ravensburg 1971) schreibt er über die Unterschiede zwischen Nazis und Kommunisten:

Kühler Rückblick auf Hitler

Wer den Nazismus als eine spezifische Krankheit der Deutschen versteht, ist ein Rassist mit umgekehrtem Vorzeichen. Gewiß hat dieser Eiterausbruch aller erdenklichen europäischen Vergiftungen vieles hochgebracht, was sich an spezifischen deutschen Verkalkungen in Mitteleuropa angesammelt hatte. Aber es gab Millionen Deutsche, die der Krankheit verläßlicher widerstanden als Millionen Franzosen; und die Instinktlosigkeit, die sie ermöglichte und ertrug, war dem ganzen Westen gemeinsam.

Sie hält noch heute an, diese Instinktlosigkeit, und sie wird in nichts so offenkundig wie in der immer noch marktgängigen These, der Nazismus sei ein »rechtes« Phänomen, ein Extrem der konservativen Haltung gewesen. Wie bei fast allen populären Legenden, ist fast das genaue Gegenteil wahr: der Nazismus war eine soziale Revolution, die sich mit einer konservativen Phraseologie kostümierte.

Das Aufrichtigste am »National-Sozialismus« war sein Name: die Proklamierung des schlechthin genialen Einfalls, die brisante »Ideologie« des Sozialismus mit der brisanten »Ideologie« des Nationalismus zu verschmelzen. Die Explosivkraft des Gemenges entsprach den potenzierten Zerstörungskräften jedes der beiden Elemente : Als ein sozialer Aufstand, der die gestauten Minderwertigkeitskomplexe einer geschlagenen Nation zu nutzen verstand, war der »National-Sozialismus« in historischer Wahrheit die deutsche Variante des Bolschewismus.

Daß er sich »antibolschewistisch« benahm, war ebenso eine Sache propagandistischer Schlauheit wie sein Antisemitismus. Antisemitismus, das wußte und sagte August Bebel schon vor achtzig Jahren, ist »der Sozialismus des dummen Kerls«. Sofern Hitler ein dummer Kerl war (und in anderen Sphären seines Verstandes war er von einer bösen, aber genialischen Intelligenz), war sein kannibalischer Judenhaß zweifellos aufrichtig; hingegen hat sein kompetenter und präpotenter Chefpropagandist Josef Goebbels sehr wohl verstanden, daß für den »dummen Kerl« en masse der Jude die faßbarste Erscheinungsform des Kapitalismus ist, einer auf persönliche Tüchtigkeit ausgerichteten Gesellschaftsstruktur; und daß daher, wer den Kapitalismus nicht liebt, zunächst den Juden zu hassen bereit sein wird.

Aber ebenso wichtig für den Erfolg des National-Sozialismus war die Gelegenheit, den Schrecken des Bolschewismus nicht mit seinem sozialistischen Gehalt, sondern mit den auffallend vielen Juden in der bolschewistischen Führung zu identifizieren. Hitler hatte sich die schwierige Aufgabe gestellt, im konservativen Deutschland die soziale Revolution zu verwirklichen; und also nahm er es als Gottesgeschenk an, daß er den Deutschen die essentielle Menschenfeindschaft des Sozialismus als einen rassischen Defekt des Judentums erklären konnte, nach dessen Ausrottung der Sozialismus sich dann als beglückender Segen erweisen würde.

Denn, von seiner jüdischen Infektion abgesehen, bewunderten und kopierten die Nazis den Bolschewismus; und zwar nicht nur seine gradlinige Brutalität im Umgang mit seinen Feinden, sondern insbesondere seinen »ideologischen« Gehalt – seinen Glaubenssatz, »der einzelne sei nichts, die Gemeinschaft alles«; seine Unterscheidung zwischen »Masse«, für welche die »Egalität«, und »Elite«, für welche elitäres Sonderrecht zu gelten habe; seinen Voluntarismus, der die gewachsenen Gegebenheiten einer Sozialstruktur mit der Phantasie kühner »Sozialingenieure« überwinden könne. Wer das Dritte Reich von innen oder von außen miterlebt hat, sollte keinen Zweifel haben, das es von eben diesen Vorstellungen gebaut worden ist; also von der »Ideologie« des panslawistischen Bolschewismus, die Adolf Hitler ins Pangermanische übersetzte.

Der modische Journalismus, der sich als deutscher Bewußtseinszustand von heute ausgeben darf, hält die Gleichsetzung von National-Sozialismus und Bolschewismus für einen Verrat am Geiste: Wie könne eine Revolution, die Millionen Menschen vergast hat, einer Revolution gleichgesetzt werden, die Millionen Menschen bloß erschoß? Nun gibt es ja Leute, die nicht in der Vernichtungsmethode, sondern in der Vernichtungsabsicht die Sünde erblicken – aber solche Leute werden vom modischen deutschen Journalismus obenhin als reaktionäre Opapas abgeschrieben, denen jedes Verständnis für die Notwendigkeit revolutionären »Durchgreifens« fehlt. Und in dem Sinne, in dem ein Zweckmord sympathischer wirkt als ein Lustmord, ist die Erschießung auch wirklich der Vergasung vorzuziehen – aber eben nur in diesem Sinne.

In keinem anderen Sinn hat der Bolschewismus dem Nazismus ein moralisches Plus voraus, und schon gar nicht sub specie der »Perversität«: Stalins Ausrottung von Millionen verdächtiger Alt-Bolschewiken war noch paranoischer als Himmlers Pauschalvergasung »volksfremder Elemente«.

Nazismus und Bolschewismus hatten, neben allem Essentiellen, auch den Nährboden gemeinsam – das »schlechte Gewissen« des arrivierten Bürgertums und seine dumme Instinktlosigkeit gegenüber dem Phänomen der Revolution. Ein arriviertes Bürgertum, das die Werte der eigenen Gesellschaft nicht mehr versteht, fühlt sich immer wieder schuldig, und wird gelähmt, in Anwesenheit artikulierter »Ankläger«.

Überdies gelingt es diesem Bürgertum immer wieder, das Wesen und die Präsenz der Revolution zu verkennen und die Revolution zu verniedlichen, ja sogar ihre Existenz zu bestreiten. Hindenburg, Hugenberg, Schleicher, Papen hatten so wenig mit Nazismus zu tun wie Scheel, Beitz, Wolf von Amerongen mit Bolschewismus. Alle diese Schulbeispiele der Parvernüschläue hatten und haben nur die Absicht, »den wilden Hengst« zu zähmen und vor die eigene Karosse zu spannen. Diese Typen können und wollen nicht begreifen, daß so ein wildes Tier, selbst wenn seine Einspannung gelänge, die fragile Kutsche erst recht in seine eigene Richtung zieht.

Das »demokratische« Intrigenspiel der letzten Weimarer Jahre blieb glücklos, weil die Intriganten keine Ahnung vom Wesen der Revolution hatten: Sie hielten eine gewaltige Naturkraft für ein bloßes Stammtischgemecker, Revolutionäre für korrumpierbare und kompromißgierige Stammtischpolitiker. Den lautstark verkündeten strategischen Grundsatz des Nazismus »Legal bis zur letzten Sprosse – aber dann wird gehängt!« mißverstanden sie als Verhandlungsangebot.

Die faule Beharrlichkeit des arrivierten Bürgertums, eine revolutionäre Regierung als »eine Regierung wie jede andere auch« zu mißverstehen, hat 1933 das »Zentrum« dazu geführt, Adolf Hitler im Reichstag die verfassungsgemäße Legitimität zu liefern – die letzte »legale Sprosse«. Und erst dann also wurde gehängt.

Dank an kewil für den Hinweis.

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