Willanders – Rechts vor Links

6. September 2009

Die Mär vom Krieg des Westens gegen den Islam

So ähnlich wie Fjordman hier mit dem Vorurteil aufräumt, der Westen sei schuld an und der einzige Urheber des Kolonialismus, so korrigiert hier der hervorragende Essayist Siegfried Kohlhammer die Mär vom Orient als Opfer westlicher Vorurteile, Irrtümer, Abneigungen. Auch wenn dieser Essay schon fünf Jahre auf dem Buckel hat, so hat sein Inhalt nichts von Aktualität eingebüsst.

Wir liebten euch doch alle – Warum es nicht stimmt, dass die islamische Welt bloß Opfer westlicher Vorurteile, Irrtümer, Abneigungen ist

Ist unser Verhältnis gegenüber den arabischen Ländern und ihrer Literatur von Unkenntnis, Vorurteilen und Zerrbildern bestimmt? Keinen anderen Begriff benutzen die Islamisten häufiger, wenn sie den Westen als Feind des Islam attackieren, als den des Kreuzzüglers. Mit den Kreuzzügen begann angeblich der bis heute anhaltende Krieg des Westens zur Schwächung und Vernichtung des Islam, dem es mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten gilt, bevor es zu spät ist. Auch moderate, zur Verständigung bereite oder säkulare Muslime sehen in den Kreuzzügen eine wesentliche Ursache für das gespannte und von Misstrauen bestimmte Verhältnis der islamischen Welt zum Westen.

Und wie denn auch nicht? Waren die Massaker des ersten Kreuzzuges, zumal bei der Einnahme Jerusalems, nicht Ereignisse, die sich dem individuellen wie kollektiven Gedächtnis unauslöschlich einbrennen mussten? Und gab es in der Folge nicht genug weitere Ereignisse, die ein „Feindbild Westen“ immerhin verständlich machten? Aber wenn dem so ist, warum sollte dann angesichts der jahrhundertelangen islamischen Eroberungen und Razzien, die weit nach Europa hineinreichten, der Massaker und Versklavungen – noch im Zeitraum zwischen 1530 und 1780 wurden etwa eine Million europäischer Christen in die Sklaverei allein in die nordafrikanischen Barbareskenstaaten verschleppt -, ein jahrhundertealtes „Feindbild Islam“ weniger verständlich sein?

Weder in dem einen noch in dem anderen Fall aber stimmt dieses Bild ganz mit den historischen Fakten überein. Darauf weisen schon die arabischen Wörter für Kreuzzug hin, nämlich al-hurub al-salibiyya oder harb al-salib, die Lehnprägungen aus den europäischen Sprachen sind – und zwar des 19. Jahrhunderts. Bis dahin hatten die Kreuzzüge als eine separate historische Einheit weder in den Geschichtsbüchern oder Chroniken noch im kollektiven Gedächtnis existiert; das erste Buch in arabischer Sprache zu diesem Thema (1865) war eine Übersetzung aus dem Französischen, und erst 1899 erschien das erste eigenständige arabische Werk über die Kreuzzüge. Der ägyptische Gelehrte Sayyid ‚Ali al-Hariri, erkannte darin aber bereits den propagandistischen Wert des Begriffs und wandte ihn gegen die Engländer. Woraus man lernen kann, dass, wer die Vergangenheit vergisst, sie später aus dem Ausland importieren muss.

Aber auch im christlichen Europa führte die Konfrontation mit dem Islam keineswegs nur überall und immer zu einem Feindbild, zu Dämonisierung, Verteufelung. Schon im Mittelalter finden wir oft erstaunliche Dokumente des Interesses, der Achtung, ja der Bewunderung im Hinblick auf die islamische Welt. Während die kirchliche Propaganda einerseits wesentlich zur Verteufelung des Islam beitrug, war die Kirche doch andererseits die entscheidende Institution, worüber die ersten genaueren Informationen über die islamischen Religion eingeholt wurden.

Das Interesse der Kirche am Islam war zunächst defensiv begründet. Man wollte die islamische Häresie, den islamischen Unglauben widerlegen, ab dem 13. Jahrhundert hoffte man, die Muslime zu missionieren. In beiden Fällen mussten dafür genauere Kenntnisse eingeholt werden, denn die Widerlegung oder Bekehrung sollte qua ratio erfolgen – wie der Islam schloss auch das Christentum Zwangsbekehrungen aus.

Solche Kenntnisse lassen schon Werke aus den ersten Jahrzehnten der Kreuzzüge erkennen. So wendet sich 1120 William von Malmesbury gegen die damals noch verbreiteten Vorstellungen, die Muslime verehrten in Mohammed ihren Gott (er sei vielmehr sein Prophet, korrigiert William) oder seien Polytheisten. Vor 1110 hatte Petrus Alfonsi, ein zum Christentum konvertierter spanischer Jude, die erste annähernd objektive Darstellung Mohammeds und seiner Religion gegeben. Später wird im Auftrag des Abtes von Cluny, Petrus Venerabilis, der selber über respektable Islamkenntnisse verfügte, die erste Koranübersetzung fertig gestellt (1143 von dem Engländer Robert of Ketton).

„Ich greife euch nicht mit Waffen an, wie es viele von uns häufig tun, sondern mit Worten; nicht mit Gewalt, sondern mit Vernunft; nicht im Hass, sondern in der Liebe. Ich liebe euch; euch liebend, schreibe ich euch; euch schreibend, lade ich euch ein zum Heil“, so Petrus Venerabilis an die Adresse der Muslime. Auch im 13. Jahrhundert fand die Idee einer friedlichen Missionierung – als Alternative zur militärischen Unterwerfung – bedeutende Fürsprecher in Roger Bacon und Raimundus Lullus, die nicht nur die Notwendigkeit gründlicher Kenntnisse der fremden Religion, sondern auch der fremden Sprachen betonten (Lullus lernte selber Arabisch). 1312 unterstützte das Konzil von Vienne die Aufforderung zum Fremdsprachenerwerb, insbesondere des Arabischen.

Das Interesse am Islam und Orient wurde bald Sache von Gelehrten. Nicht mehr die Kirche oder der Hof, sondern die Universität war die Institution, wo diesem – nun missionsunabhängigen – Interesse von Fachgelehrten nachgegangen wurde. 1539 wird am Collège de France der erste Lehrstuhl für Arabistik eingerichtet. Etwa 250 Jahre vor der arabischen Welt gründet ein Medici 1586 die erste Druckerei für arabische Texte. Eine nicht mehr abreißende Reihe von Grammatiken, Wörterbüchern, Texteditionen beginnt für den Bereich der orientalischen Sprachen zu erscheinen, kulminierend in der Bibliothèque orientale von 1697, veröffentlicht von jenem Antoine Galland, der die „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“ dem Vergessen entreißen sollte.

Auch Feindschaft gegenüber dem Islam als Religion führte nie dazu, die islamische Kultur und ihre geistigen wie materiellen Produkte abzulehnen. Ein totalitärer Unfug wie der, „islamische Physik“ oder „islamische Kunst“ ihrer Herkunft wegen abzulehnen, kam dem Mittelalter nicht in den Sinn. Aller Islamfeindschaft, allen Kreuzzügen und Türkenkriegen zum Trotz „hat der Westen nichts als Bewunderung für die Künste des Orients gehabt“ (Richard Ettinghausen). Von entscheidender Bedeutung für die Geschichte Europas aber wurde die Aneignung der Wissenschaften, der Mathematik und der Philosophie, wie sie die islamischen Ländern von der Antike, aus Persien, Indien übernommen und weiterentwickelt hatten.

Die einschlägigen Leistungen der islamischen Welt und ihre Bedeutung für Europa sind hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, dass ein solcher Prozess des interkulturellen Wissenstransfers der empfangenden Seite enorme Leistungen abverlangt. Es bedarf der Anerkennung der Überlegenheit der anderen Seite. Das heißt auch: der Unterlegenheit der eigenen, was nicht einfach ist in einer Gesellschaft, zu deren obersten Werten die Ehre gehört. Die mühselige Arbeit der Aneignung fremden Wissens beginnt also mit der Anerkennung der eigenen Ignoranz. Und diese Arbeit fand ausschließlich auf christlichem Boden statt – in Spanien vor allem und Sizilien zunächst, und dann in den europäischen Zentren des Lernens und Lehrens. In diesem Sinne waren Christen aus allen Teilen Europas und spanische Juden die „Lichtbringer Europas“. Die islamische Seite war an diesem Prozess desinteressiert, warum auch hätte sie sich daran beteiligen sollen?

Dieses Desinteresse der islamischen Seite hielt an, als das christliche Europa aufgeholt hatte und die islamischen Errungenschaften zu überbieten begann. Niemand dort interessierte sich für Abaelard oder Hume, für Galileo oder Newton. Heute beschwört die islamische Welt unermüdlich und beleidigt, dass der Westen ihr doch alles verdanke, ohne zu fragen, warum sie ihre Schätze etwa ab dem 13. Jahrhundert in die Rumpelkammer zu stecken begann und nicht mehr beachtete. Averroeismus gab es nur im Westen, nicht in der islamischen Welt, und nicht dort, sondern europäischen Philosophen galt Avicenna als dux et princeps philosophiae.

Die große positive Bedeutung, die das mittelalterliche Spanien für ein genaueres und objektiveres Islambild in Europa und die Aneignung arabischer Kultur im weitesten Sinne hatte, wird fast gänzlich überschattet durch das schreckliche, lange Ende (1492-1609) des Zusammenlebens von Christen, Muslimen und Juden in den Königreichen Kastilien, Aragon, Navarra und Portugal. Die rechtlichen und institutionellen Modalitäten dieser jahrhundertelangen kulturell und ökonomisch sehr produktiven Convivencia dreier Religionsgemeinschaften entsprachen weitgehend denen des muslimischen al-Andalus, das generell als leuchtendes Beispiel islamischer Toleranz angeführt wird. Die Convivencia im mittelalterlichen Spanien verdiente, als analoges Beispiel christlicher Toleranz besser bekannt zu werden. Die mittelalterliche Literatur bietet einige erstaunliche Beispiele für eine geradezu neuzeitlich anmutende Bewunderung der Muslime und Formulierungen des Toleranzgedankens. Wolfram von Eschenbach mit seinem „Parzival“ ist nur das bekannteste Beispiel – dort heißt es: „Die nie die Botschaft vom Glauben der Taufe empfangen haben – ist das Sünde, wenn man jene erschlagen hat wie Vieh? Große Sünde nenne ich das! Ganz und gar von Gottes Hand sind schließlich die zweiundsiebenzig Völker, die er erschuf.“ Die berühmte Rede der Gyburg im Kriegsrat, in der sie den Heiden den Status der Gotteskindschaft zugesteht, wird auch „Toleranzrede“ genannt, und beide Textstellen sind in eine Unesco-Sammlung zum Thema Menschenrechte aufgenommen worden.

Im Jahrhundert der Aufklärung werden solche Ausnahmen zur Regel. Die Oriento- und Islamophilie der Aufklärer zeichnet ein idealisiertes Bild der islamischen Welt – ihrer gleichsam aufgeklärten deistischen Religion (keine Kirche, keine Kleriker, keine Inquisition, keine Bücherverbrennungen oder autos da fé … so glaubte man), ihrer Toleranz, ihrer gerechten Gesetzgebung und undogmatischen Vernunft. Autoren wie Pierre Bayle oder Edward Gibbon, Montesquieu, Voltaire, Lessing malten an diesem Bild des edlen Muslim mit, dessen europakritische Funktion der des edlen Wilden entsprach.

Man könnte annehmen, dass die Romantik in ihrer Wendung gegen die Aufklärung sich auch gegen deren positives Bild der islamischen Welt, des Orients wenden würde. Mit der Romantik aber erreichte die Orientbegeisterung neue Höhen, wenn auch freilich die Gründe und Begründungen dafür andere waren. Im Orient sei „das höchste Romantische“ zu finden, schreibt Friedrich Schlegel 1800. Drei Jahre später empfiehlt er den Weg in den Orient zu den Quellen eines noch nicht modern zerfaserten, ursprünglich einheitlichen geistigen Enthusiasmus.

Die Zahl der romantischen Werke orientalischer Thematik, seien es Epen oder Gemälde, Opern oder Gebäude, ist groß und mit den bedeutendsten Namen der Zeit verbunden – von Byron bis Delacroix, von Rossini bis Lamartine, Goethe, Nerval, Meyerbeer, Vernet… All dies wird oft als Exotismus abgetan: eine Schwärmerei, die Projektion eigener Wünsche und Bilder auf einen im Grunde unbekannten Orient. Auch wo dies zutraf, wurde dadurch doch nicht die große produktive Leistung der Romantiker verhindert, nämlich dass sie durch ihre Begeisterung die wissenschaftliche Sammlung und Erforschung orientalischer Quellen und Werke, das Studium orientalischer Sprachen und Kunstwerke vorangetrieben und so – qua Philologie, Geschichtsschreibung und Archäologie – die objektive Kenntnis gefördert haben.

Eine anachronistische Kritik der Orient- und Islambilder und der einschlägigen künstlerischen wie wissenschaftlichen Werke, die nicht auch deren Leistungen anerkennt, sondern nur die betrübliche Tatsache zu konstatieren vermag, dass jene Menschen nicht so klug und moralisch hochstehend waren, wie es ihre Kritiker heute sind, ist nicht sehr produktiv. Während jene versuchten, wie immer unzureichend, etwas Neues zu sehen, zu beschreiben, zu verstehen (oder auch zu imaginieren), fällt diesen immer nur derselbe geist- und trostlose Refrain ein: „Tut nichts, der Westler wird verbrannt!“

Es gibt keine vorneuzeitliche Kultur/Zivilisation, die sich selbst relativiert hätte, keine, die das Ideal der objektiven Selbst- und Fremdwahrnehmung auch nur aufgestellt hätte. Einen Großteil dessen, was wir über diese Reiche wissen, verdanken wir aber den modernen westlichen Wissenschaftlern, ihren Methoden und Techniken, ihrem Interesse, ihrer Hingabe.

Mit Aufklärung und Romantik waren die beiden bis heute grundlegenden Interpretationsmuster der westlichen Welt orient- und islamophil konnotiert sowie araberfreundlich. Auch der neuzeitliche Kolonialismus und Imperialismus waren keine antiislamischen Unternehmen. Soweit dabei Ideologie neben ökonomischen und realpolitischen Gründen eine Rolle spielte, lautete deren Schlachtruf „Zivilisation!“, nicht „Dieu le veut!“ Ein „Feindbild Islam“ spielte längst keine Rolle mehr. Dass die islamische Welt in ganz besonderer Weise Opfer westlicher Vorurteile, Irrtümer und Abneigungen sei – das stimmt einfach nicht.

Der Publizist und Übersetzer Siegfried Kohlhammer, geboren 1944, war von 1978 bis 2004 Lektor vorwiegend in Asien. Aufsehen erregte er 1995 mit seinem Essay „Die Freunde und die Feinde des Islam“ im Merkur, den die Zeitschrift nach dem 11. September 2001 noch einmal abdruckte.
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