Willanders – Rechts vor Links

16. Juli 2009

Die Geister, die wir selber zeugten

In der linken Jungle World erschien ein Artikel, der sich mit den Früchten des Islam im Westen selbstkritisch auseinandersetzt. Diese Früchte sehen leider nicht so aus:

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Hier der Artikel:

Der Geist der Fatwa

Seit Khomeini vor 20 Jahren seine Mord-Fatwa gegen Salman Rushdie erließ, findet eine Einschränkung des Rechts auf Meinungs- und Redefreiheit statt – aus Angst, »religiöse Gefühle« könnten verletzt werden. Die postkoloniale Linke ist daran nicht schuldlos. Die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie wirkt bis heute. Ihr Geist weht sogar durch die Uno. Die Forderungen nach Einschränkung der Redefreiheit zum »Schutze« religiöser Gefühle und zur Eindämmung der »Islamophobie« haben längst Eingang in die Agenda der Vereinten Nationen gefunden. Zuletzt wurde, vor allem auf Betreiben der Staaten der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC)(…) eine Resolution zur »Bekämpfung der Diffamierung von Religionen« durchgesetzt, in der konkret als Religion nur der Islam erwähnt wird. Zuvor hatte der UN-Menschenrechtsrat (UNHRC) bereits eine Reihe ähnlicher Resolutionen verabschiedet.  Der »Sonderberichterstatter zur Beförderung und zum Schutz der Meinungs- und Ausdrucksfreiheit« wurde zudem aufgefordert, »über Fälle zu berichten, in denen der Missbrauch der Redefreiheit den Tatbestand der rassistischen oder religiösen Diskriminierung erfüllt«. Damit wird der Sinn des Paragrafen 19 der allgemeinen Menschenrechtserklärung, (…) in sein Gegenteil verkehrt. Der eigentliche Skandal an dem UN-Beschluss vom Dezember ist, dass es so gut wie keinen Skandal gab.

Khomeinis Triumph

Vor 20 Jahren hatte Salman Rushdie noch viel Solidarität erfahren, als man ihn mit dem Tod bedrohte(…). Während die Fatwa nach wie vor Bestand hat, hat sich der Diskurs um Meinungsfreiheit versus religiöse Gefühle jedoch drastisch verschoben. »Durch die Legenden, dass die Ablehnung der ›Satanischen Verse‹ religiös begründet sei, dass die Muslime sich beleidigt fühlten und dass Redefreiheit in einer pluralen Gesellschaft notwendigerweise engere Grenzen habe, haben Linke und Liberale eine Kultur des Beleidigtseins gezüchtet (…).

Khomeini mag mit dem Versuch gescheitert sein, durch seine Fatwa die Verbreitung des Buchs zu unterbinden, hinsichtlich der Ausbreitung eines Klimas der Selbstzensur und der Einschränkung der Redefreiheit angesichts religiöser Gefühle jedoch war dem Ayatollah mit seiner Fatwa posthum ein Triumph beschieden. Die Linke hat daran einen beträchtlichen Anteil. Um das zu verstehen, müssen zunächst einige Mythen um die Rushdie-Affäre geklärt werden. So hatte die Veröffentlichung von Rushdies Buch seinerzeit keineswegs spontane Proteste von in ihren religiösen Gefühlen verletzten Muslimen ausgelöst. (…) Dies war jedoch das Ergebnis einer Kampagne(…). Das erinnert an den Beginn des »Karikaturenstreits« 2006, als ebenfalls erst eine ausgedehnte Kampagne dänischer Imame die weltweiten Proteste entfachte.

Als die Proteste sich ausbreiteten und bereits mehrere Todesopfer bei Krawallen vor allem auf dem indischen Subkontinent zu beklagen waren, eskalierte der iranische Religionsführer Ayatollah Khomeini mit seiner Fatwa die Situation. Am 14. Februar 1989 rief er die Muslime der Welt zum Mord an Rushdie auf (…). Dabei spielten eher politische Motive eine Rolle als theologische. Denn Khomeini war politisch geschwächt, nachdem er einem als Niederlage empfundenen Waffenstillstand im damaligen iranisch-irakischen Krieg hatte zustimmen müssen. Mit der Fatwa wollte er in der Ummah, der muslimischen Gemeinschaft, wieder die Vorherrschaft über konkurrierende sunnitisch- islamistische Strömungen unter saudischer Patronage erlangen. Nach Ausrufung der Fatwa kam es weltweit zu Gewaltakten und Massendemonstrationen. Rushdie musste jahrelang unter Polizeischutz im Versteck leben, Verleger und Übersetzer der »Satanischen Verse« wurden zum Ziel von Mordanschlägen, auf Buchläden wurden Brandanschläge verübt. Im türkischen Sivas kam es während eines alevitischen Kulturfestivals im Juli 1993 zu einem regelrechten Massaker. 37 Menschen kamen zu Tode, als ein vor allem aus türkischen Islamisten und Faschisten der »Grauen Wölfe« zusammengesetzter Mob ein Hotel anzündete, in dem sich der türkische Übersetzer der »Satanischen Verse«, Aziz Nesin, aufhielt.

Die Ereignisse jener Zeit markieren einen Wendepunkt in der Wahrnehmung politisch-gesellschaftlicher Konflikte. Mit dem Fall Rushdie wurde erstmals eine politische Auseinandersetzung als globaler Kulturkonflikt inszeniert. Das Verständnis der sozialen Hintergründe von Kämpfen und Konflikten im Zusammenhang mit Migration verschob sich von materiellen und politischen Faktoren wie rassistischer Gewalt, Armut und Diskriminierung bei Jobs und Bildung auf die Ebene von kulturell und religiös begründeten Gefühlen und Identitäten.

In engem Zusammenhang mit dieser Entwicklung stehen auch der wachsende Erfolg des Islamismus unter der muslimischen Bevölkerung in Europa und die globale Dimension des Jihadismus. (…) Kenan Malik, der die Rushdie-Affäre als antirassistischer Aktivist und Journalist in Großbritannien erlebte, hat beschrieben, wie ihm damals ehemalige linke Freunde plötzlich als Teilnehmer an den Bücherverbrennungen bei Anti-Rushdie Demonstrationen begegneten. Bereits seinerzeit tauchte auch der heute allgegenwärtige Vorwurf der »Islamophobie« auf (…) als politischer Kampfbegriff. So wurde die Verkehrung von Täter und Opfer vollzogen: Nicht der durch islamistische Mordaufrufe bedrohte Schriftsteller erschien als Opfer, sondern die (…) »verletzte muslimische Gemeinschaft«.

Kulturrelativismus und »Islamophobie«

Inzwischen hat sich die kulturrelativistische Auffassung, dass sich in einer multikulturellen Gesellschaft die Redefreiheit den Sensibilitäten der religiösen Gefühle unterzuordnen und aus Respekt vor der kulturellen »Identität« des »Anderen« zurückzutreten habe, genauso auf breiter Front durchgesetzt wie die Vorstellung, dass aufgrund einer allgegenwärtigen »Islamophobie« die Muslime besonders verletzlich seien. Dass trotz aller Proteste, Anschläge und Morddrohungen in Großbritannien der Penguin-Verlag vor 20 Jahren nicht daran dachte, die Veröffentlichung von Rushdies Roman zurückzuziehen, sondern lieber seine Mitarbeiter in kugelsicheren Westen zur Arbeit antreten ließ, erscheint heute kaum noch vorstellbar.

Spätestens nach dem Karikaturenstreit genügt oft schon die bloße Antizipation muslimischer Proteste, um zurückzuweichen. Im jüngsten Fall der geplanten Veröffentlichung einer schwülstigen Liebesgeschichte um Mohammed und seine jüngste Frau Aisha reichte die Expertise einer besorgten Islamwissenschaftlerin, damit der amerikanische Verlag Random House das Projekt sofort einstellte. Bereits im Jahr 1993 ereignete sich in Genf eine für diese Entwicklung bezeichnende Geschichte: Der (…) »Euro-Islamist« Tariq Ramadan protestierte in einem offenen Brief gegen eine geplante Aufführung von »Mahomet«, einem Stück des Aufklärers Voltaire, weil dieses die Gefühle der muslimischen Gemeinde verletze. Es waren dann Erica Deuber-Pauli, die als »alternativ« geltende damalige Genfer Kulturchefin, sowie der grüne Kulturminister des Kantons, Alain Vessade, die die Aufführung verhinderten(…).

Die Rolle des Postkolonialismus

Aus einer scheinbaren Äquidistanz, die »Essentialisierungen auf beiden Seiten« zu kritisieren vorgab, wurde der von Islamisten angestachelte, bücherverbrennende Mob, der keineswegs die Mehrheit der Migranten repräsentierte, zum »authentischen« Repräsentanten migrantischer Kämpfe erklärt. Der religionskritische Kosmopolitismus Rushdies hingegen wurde als Kollaboration mit westlicher »Islamophobie« (…) denunziert. Zwar distanzierte man sich selbstverständlich vom Mordaufruf Khomeinis, dennoch vollzog man den Schulterschluss mit dessen antizivilisatorischem Affekt. Indem ausgerechnet die hinter den islamistischen Anführern versammelten, regressivsten Angehörigen der britisch-muslimischen Bevölkerung zu den authentischen Vorkämpfern für deren berechtigte Belange erklärt wurden, eistete man dem stereotypen Bild der Muslime als religiös fanatisierter Freiheitsfeinde in Wirklichkeit noch Vorschub.

Islamistische Identitätspolitik

Die Fatwa gegen Rushdie geriet aus dieser Art postkolonialer Perspektive zu einem Gründungsakt legitimer muslimischer Identitätspolitik in Großbritannien und der gesamten europäischen Diaspora. (…) Kenan Malik weist darauf hin, wie die seit den achtziger Jahren in Großbritannien verfolgte Politik des Multikulturalismus zum Aufstieg des Islamismus beigetragen hat, indem die Moscheegemeinden und ihre religiösen Führer als Gesprächspartner für alle sozialen Probleme im Zusammenhang mit Migration herangezogen wurden. Das »gab der konservativen Führung dieser Gemeinden eine größere Autorität und drückte die eher weltlichen Gruppierungen an den Rand«. Viele Führungsfiguren des MCB waren während der Rushdie-Affäre radikale Führer der Kampagne. Der 2005 von der Queen zum Ritter geschlagene langjährige MCB-Vorsitzende Sir Iqbal Sacranie äußerte damals, der Tod sei eine noch viel zu geringe Strafe für Rushdie. (…)

Auch in Deutschland empfehlen heute postkolonialistische linke Kultur- und Sozialwissenschaftler regelmäßig Selbstzensur aus Rücksicht auf religiöse Empfindlichkeiten von Muslimen, wie im Falle der Mohammed-Karikaturen und anlässlich der Ermordung des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh 2004 (…). Ayaan Hirsi Ali und andere islamkritische Feministinnen wie Seyran Ates oder Necla Kelek werden oft denselben Vorwürfen ausgesetzt wie ehedem Salman Rushdie: Kollaboration mit westlicher Hegemonie, »Islamophobie« und Rassismus. (…)

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1 Kommentar »

  1. Das ist doch ein alter Hut. In kommunistischen/sozialistischen und islamischen Ländern gibt es nun mal keine Redefreiheit. Das ist bei den Ideologien nicht drin. Wenn man das erst jetzt merkt. Links macht halt dumm, wenn man es nicht schon vorher war.

    Kommentar von Glühbirne — 22. Juli 2009 @ 04:13 | Antwort


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