Willanders – Rechts vor Links

2. Juli 2009

Necla Kelek: Wir müssen den Schleier lüften

Wie immer spricht mir die Deutsch-Türkin… oder Türk-Deutsche… ach ist eh egal…. also Necla Kelek aus der Seele. Auch diesmal, bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Frank Schirrmacher Mitte Juni. Wenn ich die Berichte von der Islamkonferenz lese – hier, hier oder auch hier , dann frage ich mich, leben Menschen in Deutschland auf verschiedenen Planeten? Oder sind sie verschiedene Spezies, die mit ihren zwei Armen, zwei Beinen, einem Torso und einem Kopf drauf nur den Eindruck erwecken, einer und derselben Gattung anzugehören? Wie sonst kann es sein, dass es auf der einen Seite Menschen gibt die vernünftig, für die meisten leicht verständlich argumentieren, und dann gibt es auf der anderen Seite Schäuble? Das Tragische ist nur, dass der letztgenannte in einer wichtigen Position sitzt und das Sagen hat.

Wir wollen uns aber nicht allzu lange mit diesem Wirrkopf und Verräter abgeben, sonst färbt das noch womöglich auf uns ab. Lieber wenden wir uns der Vernunft zu:

(…) Ich habe mir den fremden Blick nicht erwerben müssen, er hat mich seit Kinderjahren begleitet. Aus der Großstadt Istanbul in das anatolische Dorf meiner Großmutter geschickt, wo ich mit meinen Geschwistern „geparkt“ wurde, bis wir von den Eltern nach Deutschland geholt wurden; als Schulkind, das am Treiben der deutschen Freunde nur als Zuschauer vom Fenster seines Zimmers aus teilhaben konnte; als Studentin, die erkennen musste, dass das türkische Wort für Freiheit, hürriyet, etwas ganz anderes meint als libertas, erst recht etwas anderes als die Libertinage meiner Kommilitonen. Hürriyet, von dem arabischen Begriff hurriya kommend, meint ursprünglich das Gegenteil von Sklaverei: Ein Sklave wird „frei“, um Allah zu dienen. Für gläubige Muslime besteht Freiheit in der bewussten Entscheidung, „den Vorschriften des Islam zu gehorchen“. So wird von den Islamvereinen auch das Grundrecht auf „Religionsfreiheit“ verstanden, nämlich als Recht, in diesem Land dem Islam gehorchen zu dürfen. Ein kleines Beispiel für die kulturellen Differenzen (…) aber eine Differenz mit weitreichenden Folgen.

Das Opferbild des Migranten

(…) Dass es grundlegende kulturelle Heterogenitäten, ja Unvereinbarkeiten sind, an denen unsere bisherige Integrationspolitik scheitert, ist in der Politik und bei den meisten Meinungsmachern noch nicht angekommen. Künftig sollen die integrationspolitischen Initiativen von acht großen bundesdeutschen Stiftungen von einem „Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration“ begutachtet werden – ein Gremium, in dem im Wesentlichen wieder dieselben Migrationswissenschaftler versammelt sind, die seit Jahrzehnten die Integrationspolitik beraten und zu ihren Versäumnissen entscheidend beigetragen haben. Vor allem durch das von ihnen mit Hingabe verteidigte Bild von dem Migranten als „Opfer“ – von religiöser Diskriminierung, ökonomischer Benachteiligung und sozialer Ausgrenzung.

Die aufnehmende Gesellschaft sei verantwortlich dafür, dass jene, die zu uns gekommen seien, hier nicht ankämen, nicht „integriert werden“. Das Passiv, in dem das Scheitern meist verbalisiert wird, ist verräterisch: Anforderungen an die Migranten gelten in solchen Kreisen als Zumutung. Die Folge: Migranten sind und bleiben die unmündigen Mündel einer mal mehr, mal weniger gelingenden, auf jeden Fall aber endlosen Sozialarbeit. Hat uns das in der Integration vorangebracht?

Bei jenen, die mit mir einen türkisch-muslimischen Familienhintergrund teilen, jedenfalls nicht: Trotz der ungeheuren Summen, die dieses Land für ihre Eingliederung und Förderung ausgibt, sind die Ergebnisse entmutigend: Sie weisen die größte Schulabbrecherquote, die geringste Abiturientenzahl, die meisten Menschen ohne Berufsausbildung, die geringste Erwerbstätigenquote und die wenigsten Selbständigen auf. Da gerade diese Gruppe demographisch stärker als andere Einwanderer zunimmt, während gleichzeitig die Noch-Mehrheitsgesellschaft rapide schrumpft, wird ihre mangelnde Integration zum zentralen Problem der ganzen Gesellschaft. Es droht, wird diese Entwicklung nicht aufgehalten, ein „Kulturabbruch“, wie der Demograph Herwig Birg konstatiert.

Ein Ergebnis, das mich zornig macht, weil ich weiß, wie entscheidend Menschen zu dieser Gesellschaft beitragen können, die in beiden Kulturen zu Hause sind. Und weil es Beispiele dafür gibt, dass das Ergebnis anders ausfallen kann: Die Kinder der ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam können, trotz ähnlicher sozialer und ökonomischer Bedingungen, auf stolze Integrationserfolge verweisen. Fast achtzig Prozent schließen das Gymnasium ab. Sie zeigen den geforderten „gesellschaftlichen Ehrgeiz“, sie sehen es als ihre Aufgabe, sich aktiv zu integrieren.

Die ökonomische Lage, der Migrantenstatus oder die Ethnie können es also nicht sein, wodurch die einen zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt sind, die anderen aber nicht. Warum sind es gerade muslimische Familien, bei denen die Integration oft nicht gelingt? Warum heiraten nur acht Prozent der in Deutschland aufgewachsenen türkischen Männer eine deutsche Frau, nur drei Prozent der Türkinnen einen deutschen Mann? Bei den Zuwanderern aus Mittel- und Südamerika sind es sechzig bis siebzig Prozent. Junge Türken in Deutschland heiraten keine Deutschen, meist nicht einmal das in Deutschland aufgewachsene türkische Mädchen von nebenan, sondern meistens werden sie verheiratet, am besten mit einer Braut, die die Mutter aus der Türkei holt. Warum diese Abgrenzung? Die Antwort finden wir nicht nur in der Tradition des jeweiligen Herkunftsgebietes, sondern auch im Koran: „Die gläubigen Frauen sind den ungläubigen Männern nicht zur Ehe erlaubt und umgekehrt.“

Solange wir nicht wagen, nach dem harten Kern dieser kulturellen Differenzen zu fragen, solange wir bei der von der Migrationswissenschaft und den Islamverbänden ausgegebenen Parole bleiben, dass Integrationshindernisse „mit dem Islam nichts zu tun“ haben, werden wir wie Sisyphos den schweren Stein immer wieder den Berg hinaufschleppen müssen, nur um festzustellen, dass er gleich darauf wieder unten angekommen ist.

(…) der amerikanische Präsident Obama jüngst in Kairo (…)  fehlte doch Entscheidendes: Er lobte den interreligiösen Dialog des saudischen Königs Abdullah, verlor aber kein Wort über die Scharia, die Saudi-Arabien in alle Welt zu exportieren versucht. Er lobte die Tradition der Toleranz im Islam und verwies auf das muslimisch beherrschte Andalusien vor mehr als fünfhundert Jahren; dass aber auch dort, unter den muslimischen Herrschern, die jüdische Minderheit Bürger zweiter Klasse waren, die der dhimma unterlagen, ihnen zwar Religionsfreiheit gewährt, dafür aber hohe Kopfsteuern abgefordert wurden, das sagte er nicht. (…)

Wer die Muslime integrieren will, wird mit ihnen über die Rechte jedes einzelnen Bürgers streiten müssen, über das Selbstbestimmungsrecht, über Freiheit und Demokratie – und damit zwangsläufig auch über Religion. Denn wir haben es beim Islam mit einer Leitkultur zu tun, für die das oberste Prinzip der Gehorsam ist – gegenüber Gott, gegenüber den Älteren als seinen Stellvertretern, gegenüber den Männern oder den Brüdern. Wer dagegen aufbegehrt, verstößt gegen die gottgegebene Ordnung. (…)

Als Gesetzesreligion beansprucht der Islam die Regelhoheit über alle Lebensbereiche. Er kennt nicht, wie der Historiker Dan Diner schreibt, den „Prozess ständiger Interpretation, Verhandlung und Verwandlung“ (…).

Wir werden die (…) Hindernisse der Integration nicht beseitigen, wenn wir einem „Wunschdenken“ über den Islam verhaftet bleiben, das Gewalt nur als ein Problem von Extremisten oder als falsche Auslegung einer an sich richtigen Lehre sehen will. Wenn wir die kulturellen Differenzen nicht benennen, wird über die Integrationshindernisse weiter der Schleier gebreitet. Denn wir meinen Unterschiedliches, wenn wir dieselben Begriffe verwenden. Freiheit, Anstand, Würde, Ehre, Schande, Respekt, Dialog, das alles sind Werte und Normen, die in einer westlich-europäischen Gesellschaft mittlerweile ganz anders definiert werden als in der islamisch-türkisch-arabischen Kultur.

Das gilt auch für die Familie. Viele sehen diese „Schicksalsgemeinschaft“ vom selbstgefälligen Individualismus der westlichen Wohlstandsgesellschaft bedroht, ich hingegen von der autoritär-patriarchalischen Seite. Was viele hierzulande als Vorbild für Geborgenheit und gegenseitige Fürsorge preisen, die Aufgehobenheit in der muslimischen Großfamilie, kostet in Wahrheit oft das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen. (…) Diese Familien, besser: Clans sind allzu oft „Trainingslager der Kälte und Angst“. Jenen, die sich ihrem festgefügten Reglement nicht unterwerfen wollen, bleibt nur Flucht oder Rebellion.

(…) Die kulturelle Differenz gilt auch für die Frauen. Sosehr ich der Notwendigkeit der Integration von jungen Menschen aus Migrantenmilieus zustimme, so weit entfernt sehe ich indes die muslimischen Frauen von einer Rolle als „zentrale Veränderungsagenten“. (…)

Für mich bedeutet Freiheit etwas ganz Besonderes. Das, was das deutsche Wort bedeutet, nämlich „unabhängig sein“, sein Leben, seine Entscheidungen selbst zu bestimmen und dafür einzustehen, ist in der muslimischen Erziehung nicht vorgesehen. Das Kind soll kein Individuum, keine selbständige Person, sondern ein Kollektivwesen werden, das zu gehorchen und der Familie, der Gemeinschaft zu dienen hat. Vor allem, wenn es ein Mädchen ist.

Dass es eine eigene Meinung gegenüber einer Älteren oder gar gegenüber einem Mann äußert, ist für ein Mädchen nicht denkbar, die Unterordnung der Frauen unter die Männer in Frage zu stellen, erst recht nicht. Ich habe Söhne gesehen, kaum älter als zwölf, die das Portemonnaie in der Hand halten, wenn sie ihre Mütter beim Einkauf begleiteten; sie sind es, die zahlen, sie sind es, die bei Abwesenheit des Vaters als „Mann“ im Haus das Sagen haben.(…)

(…)  Für muslimische Frauen gibt es nur die Freiheit „von etwas“ – nicht die Freiheit „zu etwas“. Sie sind frei von Selbstbestimmung, nicht frei, um Selbstbestimmung und Verantwortung wahrzunehmen. Sie unterliegen der Geschlechter-Apartheid des Islam. (…)  ich musste mir die Freiheit nehmen, bekommen hätte ich sie nicht. (…)

Lange haben die Integrationsbeauftragten und Islamkundler um „Verständnis“ für diese andere Kultur geworben, Kritik daran für Zeichen von Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit erklärt und meine Auseinandersetzung mit dem Weltbild des Islam als „publizistisches Todesurteil“ diskreditiert. „Gerechtigkeit für Muslime“ heißt für sie, über den harten Kern, die religiös legitimierten Gebote und Verbote seiner Welt zu schweigen. Hier wird ein Tabu verhängt, das wir auf keinen Fall hinnehmen dürfen. Denn meine Beispiele sind ja nur ein Zipfel des Schleiers, den es durch Auseinandersetzung zu lüften gilt. Solange Frauen wie Männer in das traditionell wie religiös gerechtfertigte Gefängnis gesperrt werden, dessen Gitterstäbe aus Begriffen wie „Unterwerfung“ und „Gehorsam“, „Respekt“, „Tradition“ geschmiedet sind, kann es eine wirkliche Integration, kann es eine humane Gesellschaft nicht geben.

Wir haben nur dann eine Chance auf Integration (…), wenn wir denjenigen, die zu uns gekommen sind, zu ihrem Recht (…) verhelfen, auf Freiheit und Selbstbestimmung.

Solange wir uns mit dem Verständnis für die Normen der islamischen Kultur bescheiden oder sie achselzuckend als „anders“ hinnehmen und unwidersprochen dulden, ist es um die Zukunft unserer Freiheit nicht gut bestellt. Denn unter dem Schleier zeigt sich, dass wir es mit einem Wertekonflikt zu tun haben, der die Grundlagen unseres Zusammenlebens berührt. Wenn wir nicht willens und bereit sind, die aufgeklärte, säkulare europäische Identität entschiedener zu verteidigen, und zwar gemeinsam mit den säkularen Muslimen, wird unsere Gesellschaft auseinanderfallen.

Reden wir deshalb über das, worüber Obama nicht gesprochen hat, über die Aufklärung. (…) Sie hat den Freiheitsgedanken in die Welt gebracht. An die Stelle von Gottes Gesetz trat das von Menschen gemachte Recht. An die Stelle des von Gott gewollten Schicksals – oder kismet – trat der sein Schicksal selbst in die Hand nehmende vernunftbegabte Mensch. (…)  befähigte ihn, die von ihm bisher unverstandenen schicksalhaften Lebenswelten intellektuell zu durchdringen (…). Aufklärung ist deshalb auch die Aufklärung des Menschen über seine Möglichkeiten wie seine Grenzen und die Erkenntnis, eigenverantwortlicher Gestalter des Diesseits zu sein.

Der Glaube wurde dadurch nicht abgeschafft, auch nicht bei den Christen. Aber mit der Aufklärung wurde ihm die Vernunft zur Seite gestellt, die Frage, der Zweifel (…)

Haskala, die jüdische Aufklärung,  heißt „Bildung“ oder „Klugheit“. Sich selbst zu bilden, sich der fremden Kultur zu öffnen, Deutsch zu lernen war für (die Juden in der Diaspora – Anm. d. Red.) das Gebot, um gesellschaftliche Gleichberechtigung zu erwerben. Der sie umgebenden christlichen Mehrheitsgesellschaft waren diese aufgeklärten Juden weit voraus. Sie wurden der Treibsatz der deutschen Kultur und haben sie mit ihren Pionierleistungen in Wissenschaft und Ökonomie, auf dem Theater, in der Literatur und der Musik unendlich bereichert.

Der Islam hat eine solche Aufklärung noch vor sich. Auf seine uns inzwischen leidlich bekannten Verbandsfunktionäre können wir dabei nicht hoffen. Umso notwendiger ist es, dass wir unseren Part an Verantwortung für die Integration der Muslime übernehmen: dass die hiesige Gesellschaft sich ihrer eigenen Grundlagen und Werte vergewissert, sie auch hinterfragt, bestätigt oder verändert, aber dass sie zugleich unmissverständlich klarmacht, dass ein Miteinander auf einem für alle verbindlichen „Gesellschaftsvertrag“ beruht, der keine Parallelwelten mit grundsätzlich anderen Normen und Rechtsvorstellungen duldet.

Wir sind (…)  eine kulturell plurale Gesellschaft, deren Miteinander durch wertebezogene Gemeinsamkeiten entsteht, nicht durch eine Aneinanderreihung multikultureller Parallelwelten.(…)

Und wie immer hier der Link zur Quelle.

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